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Südtirol zwischen Österreich und Italien in den 1930er Jahren
Das autoritäre Programm in Österreich war somit nicht anders orientiert,
als beispielsweise jene in Italien oder in Deutschland. Einflussreiche Persön-
lichkeiten aus Politik, Militär, Kirche und Verwaltung waren in der Zeit un-
mittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in allen drei Staaten – wie im Übrigen
auch anderswo in Europa – offensichtlich nicht davon überzeugt, dass die
Demokratie die beste Regierungsform für die Bewältigung der herrschenden
Zustände sei, sondern dass vielmehr das parlamentarische System nicht zur
notwendigen innenpolitischen und wirtschaftlichen Erholung beitrug. Dies
stimmte besonders auch für Tirol, wo bereits unmittelbar nach dem Ersten
Weltkrieg Verbrüderungen zwischen antidemokratischen Kräften im Land
und solchen in Bayern stattfanden. Die Gruppierungen forderten die Abschaf-
fung der falschen, von den Franzosen installierten, Demokratie, drängten auf
die Einsetzung einer objektiv richtige Politik, einer Germanischen Demokratie, die
durch und durch durchdrungen von einem aristokratischen Bewusstsein von Rang
sei und strebten jedenfalls die Revision der Versailler Friedensverträge an29.
Ein entscheidendes Element der Annäherung zwischen Österreich
und Italien ab Ende der 1920er-Jahre war daher auch diese ideologische Nähe,
die sich zwischen den ständestaatlich orientierten Kräften in Österreich und
dem faschistischen Italien anbahnte. Mussolini unterstützte ab 1928 mehr
oder weniger offen die Etablierung eines rechtsgerichteten, am Vorbild des
italienischen Faschismus orientierten politischen Systems. Dazu gehörte au-
ßerdem die Unterstützung von Revisionsbestrebungen in Ungarn sowie die
Annäherung Bulgariens oder Rumäniens. Von besonderer Bedeutung jedoch
war, Österreich in die ideologische Nähe zum Faschismus zu bringen. Seit
1928 flossen daher regelmäßig Gelder an die österreichischen Heimwehren,
die sich damit konsolidieren und einer allfälligen Schwächung durch die So-
zialdemokratie entziehen können sollten. Die Südtirolfrage blieb dabei ein
schwieriges Thema – so sehr, dass zeitweise italienische Vorschläge lieber
mittels der ungarischen Regierung, zu der Rom ein immer besser werdendes
Verhältnis unterhielt, nach Wien überbracht wurden. Sollte es gelingen, Ös-
terreich der „freimaurerischen Demokratie“ zu entziehen, dann bliebe den
in Österreich verbliebenen politischen Parteien gar nichts anderes übrig, als
29 I.O.: “[…] permeated through and through by an aristocratic consciousness of rank“,
Tim Kirk, Fascism and Austrofascism, in: Pelinka, Bischof, Lassner, The Dollfuss/Schusch-
nigg Era 10–31, hier: 16 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918