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Die katholische Kirche in Südtirol 1918–1940
Mittelsmann zwischen Vatikan und dem Duce fungierte. Tatsächlich gab die
Bozner Präfektur 1926 ihre Zustimmung zum Erscheinen des Wochenblattes
„Volksbote“ und der „Dolomiten“, die an drei Werktagen der Woche erschie-
nen.26 Beide Zeitungen waren im Vorjahr verboten worden. Im „Katholischen
Sonntagsblatt“, das von der Kurie herausgegeben wurde, ebenfalls als Pro-
dukt des „Vogelweider“, hatten die in der Katholischen Aktion organisierten
Verbände seit 1927 ein Sprachrohr. Daneben konnte eine Vielzahl weiterer
kirchlicher Zeitschriften und Kalender, die durch den Konkordatsartikel
über die Katholische Aktion geschützt waren, gedruckt werden. Obgleich
sich diese Organe unpolitisch geben mussten und die herrschende Ideologie
nicht offen (allenfalls implicite) in Zweifel ziehen durften, boten sie doch einen
in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzenden kulturellen Freiraum. Man
konnte sich als Deutscher geben, wenn man die Produkte aus Bozen las. Dass
nun in einem katholisch geprägten Verlagshaus, unter der Ägide des Priesters
Michael Gamper, Zeitungen gedruckt werden konnten, trug zur Erhaltung
der deutschen Identität bei. Das war nicht wenig, wenn man die seit 1922
massiv betriebene Italianisierung aller Bereiche des öffentlichen Lebens als
Kontext berücksichtigt. Von einem „klerikal-konservativen Tyrolia-Vogelwei-
der-Monopol“ zu sprechen, ist daher unterkomplex27. Gamper wurde durch
seine Präsenz in der hauseigenen Presse auch zur inoffiziellen Führungs-
figur der deutschen Katholiken im (Erz-)Bistum Trient, zumal sich Endrici
mit gesellschaftspolitischen Stellungnahmen nördlich von Salurn erkennbar
zurückhielt.
Wesentlich schwieriger als das Überleben der deutschsprachigen
Presse gestaltete sich die Neubesetzung des Brixner Bischofsstuhl nach dem
Tod Raffls im Juli 1927. Der Ordinariatskanzler Josef Mutschlechner wurde
dem Kirchenrecht entsprechend zum Kapitelsvikar gewählt28. Der Prälat
kannte auch die Innsbrucker Seite der alten Diözese gut, hatte er doch bis
zur Gründung der dortigen Administratur die dortige Filiale des Brixner Or-
26 Zu den Vorgängen äußerte sich Gamper selbst in den Dolomiten vom 6.12.1952, S.1; Rolf
Steiniger, Südtirol im 20. Jahrhundert. Vom Leben und Überleben einer Minderheit (Inns-
bruck 2004) 152 ff.
27 Steurer, Südtirol zwischen Rom und Berlin 132.
28 Josef Innerhofer, „Bestverdienter Mann der Diözese“. Prälat Josef Mutschlechner,
Apostolischer Administrator und Dompropst von Brixen (1876–1939), in: Kunst und Kirche in
Tirol, hrsg. von Josef Nössing, Helmut Stampfer (= FS Karl Wolfsgruber, Bozen 1987) 187–211.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918