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Jörg Ernesti
der Präfekt nicht darauf ein, sondern verwies auf die Möglichkeit, dem Kron-
prinzen sein Anliegen am Rande des Diners vorzubringen. Der Bischof er-
klärte sich einverstanden und lud im kleinen Kreis nach Bruneck ein42. In der
Tat kam es nach Aufhebung der Tafel zu einem kurzen Vieraugengespräch43.
5. Der Schatten des Nationalsozialismus
In den Jahren 1929–1933 war die Schraube gegen die deutsche Bevölkerung
Südtirols eher gelockert worden. Dann jedoch bekamen die deutschspra-
chigen Gläubigen einen schärfer antideutscher Kurs zu spüren. Schikanen
gegen Geistliche nahmen zu. Vermehrt wurden italienische Geistliche ein-
geschleust44.
Am 26. Juni 1939 kam es zum Abkommen zwischen der italienischen
und der deutschen Regierung und der Möglichkeit, eine Option für Deutsch-
land vorzunehmen45. Jene Personen, die für Deutschland stimmten, sollten
andernorts geschlossen angesiedelt werden, nach Hitlers Vorstellung in den
neu zu erobernden Gebieten im Osten. 87% der Bevölkerung optierten für
Deutschland, 75.000 Menschen wurden bereits während des Krieges umge-
siedelt. Die wichtigsten die Kirche betreffenden Dokumente wurden von Jo-
sef Gelmi aufwendig ediert (jeweils mit anastatischem Nachdruck)46.
Fürstbischof Geisler scheint zunächst noch geglaubt zu haben, eine
neutrale Position einnehmen zu können. Ob er ermessen konnte, dass eine
Option für Deutschland auch eine Option für den Nationalsozialismus dar-
stellte, ist schwer zu sagen47. Jedenfalls sind bis 1945 keine Äußerungen aus
seinem Mund überliefert, die auf eine Sympathie für diese Weltanschauung
42 Gelmi, Fürstbischof Johannes Geisler, Dok. 35–36 198 f. vom 9.5.1938.
43 Gelmi, Fürstbischof Johannes Geisler 43–52.
44 Heiss, Schutzmacht und Ohnmacht 96; 105–109; Horst Schreiber, Nationalsozialismus
und Faschismus in Tirol und Südtirol. Opfer, Täter, Gegner (= Nationalsozialismus in den
österreichischen Bundesländern 1, Innsbruck et al. 2008). Die Rolle der Kirche wird fast voll-
ständig ausgeblendet.
45 Josef Gelmi, Kirche und Option, in: Die Option der Südtiroler, hrsg. von Rudolf Lill (= Süd-
tiroler Kulturinstitut: Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstitutes 16, Bozen 1991) 161–176.
46 Gelmi, Fürstbischof Johannes Geisler.
47 Josef Gelmi, Warum hat Geisler 1940 für Deutschland optiert? in: der Schlern 63 (1989)
372–381.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918