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Die Revision der Staatsbürgerschaftsoptionen von 1939
von Umsiedlern auf seinem Staatsgebiet als große Belastung. So hatte Gruber be-
reits Ende Jänner 1946 gegenüber dem Alliierten Rat geklagt, dass die Optanten,
die sich in Österreich aufhielten, die angespannte Wohnungs- und Ernährungs-
lage in einem außerordentlich hohen Maße strapazieren würden, da die meisten
von ihnen vollkommen mittellos seien30. Obwohl er somit die Brisanz der Proble-
matik und die Notwendigkeit einer Lösung allein schon aus österreichischer Per-
spektive erkannte, ließ er sich mit der Umsetzung überraschend viel Zeit. Die SVP
hingegen drängte noch im Herbst 1946 auf die Aufnahme bilateraler Gespräche.
In Wien schien man aber keine Eile zu haben. Zunächst hielt Gruber es
entgegen der SVP-Leitung und seiner noch in Paris vertretenen Position sogar
für das Beste, wenn das bereits ausgearbeitete Optantengesetz möglichst bald in
Kraft trete31, ohne dieses allerdings im letzten Detail zu kennen32. D.h., er hätte es
vorgezogen, in der Optionsangelegenheit überhaupt nicht mehr mit Italien ver-
handeln zu müssen und mit der Rückführung der Südtiroler möglichst bald zu
beginnen. So wurde im Dezember 1946 zur Durchführung der Rücksiedlung der
Südtiroler die Errichtung einer Außenstelle des österreichischen Bundeskanzler-
amtes in Innsbruck beschlossen33. Der designierte Leiter der Stelle, Erich Kneußl,
meinte im Februar 1947, die vordringlichste Frage […], vom Standpunkte der Südtiroler
aus betrachtet überhaupt die vordringlichste, ist die Lösung der Optantenfrage, die sofort
in Angriff genommen werden müsse34. Trotz dieser eindringlichen Mahnung ließ der
Beginn der vorgesehenen Konsultationen weiterhin auf sich warten.
Die SVP wurde zunehmend ungeduldiger und auf der Landesver-
sammlung im Februar 1947 appellierte Parteiobmann Erich Amonn nach-
drücklich an die österreichische und italienische Regierung, das Problem zu
lösen, da die Frage der Rückkehr der abgewanderten Südtiroler die Voraussetzung
30 Außenminister Gruber an den Alliierten Rat, Wien, 24. 1. 1946, in: Das Degasperi-Gru-
ber-Abkommen anhand italienischer und österreichischer diplomatischer Dokumente, hrsg.
von Enrico Serra (Trient 1989) 61–64, hier: 63.
31 Raffeiner, Tagebücher, Eintrag vom 26. 9. 1946, 157; auch: Der italienische Handels-
delegierte in Wien, Roberto Gaja, an De Gasperi, Wien, 2. 10. 1946, in: DDI, X/4, Dok. 366.
32 Legationsrat Coppini an Außenminister Pietro Nenni, Wien, 18. 1. 1947, in: DDI X/4,
Dok. 672, 773.
33 Information von Erich Kneußl zur Aufgabenstellung der Außenstelle, [Jänner/Februar
1947], in: Gehler, Akten zur Südtirol-Politik 1, Dok. 298.
34 Erich Kneußl, Bericht über die Errichtung der von der Bundesregierung errichteten
Außenstelle des Bundeskanzleramtes in Innsbruck, 14. 2. 1947, in: Gehler, Akten zur Süd-
tirol-Politik 2, Dok. 1, 60.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918