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Die Revision der Staatsbürgerschaftsoptionen von 1939
tiroler festhalten54. Indem Gruber auf eine Ratifizierung des Pariser Abkom-
mens durch den österreichischen Nationalrat verzichtete, erhielt dieses den
Status einer „Zwischenlösung“55. Nach Innocenti waren auch die SVP und
die Südtiroler Presse ostentativ darum bemüht, das Pariser Abkommen als
Provisorium auszulegen56.
Das italienische Außenministerium reagierte auf diese Entwicklung
in zweifacher Hinsicht: Erstens sollte die Optantenfrage weiterhin als Druck-
mittel in der Südtirolfrage eingesetzt werden57, und zweitens sollten die Süd-
tiroler mit NS-Vergangenheit, die mit den Irredentisten gleichgesetzt wurden,
stärker als bisher geplant vom Wiedererwerb der italienischen Staatsbürger-
schaft ausgeschlossen werden. Silvio Innocenti, der Ende 1946 aus Bozen nach
Rom zurückgekehrt war und als Staatsrat und Vertrauensmann De Gasperis
sämtliche Südtirol-Agenden koordinierte58, hatte anlässlich der Ausarbeitung
des Optantengesetzes von 1946 die Zahl der dadurch von der Staatsbürger-
schaft Ausgeschlossenen auf 200 bis 300 geschätzt. Nun, im März 1947, sprach
er plötzlich von 2.000 bis 3.000 Personen59. Zudem wurde ab nun strenger
gegen illegal zurückgekehrte Umsiedler vorgegangen60.
Am 31. März 1947 überreichte Österreich dem italienischen Vertreter in Wien
ein erstes Memorandum zur Revision der Optionen, womit die offiziellen
Konsultationen in dieser Frage ihren Anfang nahmen61. Am 28. Mai erfolgte
54 Coppini an Außenminister Nenni, Wien, 1. 2. 1947. Ebd., Dok. 735. Tatsächlich hatte
Gruber gesagt, das Selbstbestimmungsrecht sei Sache der Südtiroler Bevölkerung, nicht der
österreichischen Regierung. Amtsvermerk von Josef Schöner, 5. 2. 1947, in: Gehler, Akten
zur Südtirol-Politik 1, Dok. 300.
55 Gehler, Österreichs Außenpolitik 246.
56 Innocenti an De Gasperi, Bozen, 5. 10. 1946, 2. PCM, UZC, Sez. III, b. 1.
57 Dies zeigte sich u.a. im Zusammenhang mit dem Autonomiestatut. Erst nachdem die
SVP diesem im Jänner 1948 zugestimmt hatte, verabschiedete der Ministerrat das Optanten-
dekret. Steurer, Südtirol 1943–1946 97.
58 Andrea Di Michele, L’Italia e il governo delle frontiere (1918–1955). Per una storia
dell’Ufficio per le zone di confine, in: La difesa dell‘italianità. L’Ufficio per le zone di confine a
Bolzano, Trento e Trieste (1945–1954), hrsg. von Diego D’Amelio, Andrea Di Michele, Giorgio
Mezzalira (Bologna 2015) 25–72, hier: 43.
59 Vermerk von Unbekannt über ein Gespräch eines SVP-Vertreters mit Innocenti und
dem österreichischen Botschafter in Rom Johannes Schwarzenberg, 6. 3. 1947, in: Gehler,
Akten zur Südtirol-Politik 2, Dok. 37, 116.
60 Bericht von Edgeworth Murray Leslie über einen Kontakt zwischen der SVP-Leitung
und dem britischen Konsul in Bozen, 6. 3. 1947. Ebd., Dok. 38, 117.
61 Coppini an Außenminister Sforza, Wien, 31. 3. 1947, I documenti diplomatici italiani,
hrsg. von Ministero degli Affari Esteri. Commissione per la pubblicazione dei documenti
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918