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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
wendigkeit, ihre Argumentation auf eine breitere Grundlage zu stellen, und
entwickelten die Lehre vom Österreichischen Menschen. Der Österreicher
wurde als übernationaler Mittler zwischen den Völkern beschrieben, als
sprachengewandt, anpassungsfähig, kunstsinnig und ganz von der Tradition
des Kaiserreiches geprägt12.
In den 1930er-Jahren schlossen sich kommunistische Stimmen dieser
Neuorientierung an. Alfred Klahrs im Jahre 1937 in „Weg und Ziel“ veröf-
fentlichte Beitragsreihe zu diesem Fragenbereich kann als theoretische Grün-
dungsurkunde der Österreichischen Nation gesehen werden und gipfelte in
der Forderung: Können wir, die kommunistische Partei und die revolutionäre Arbei-
terbewegung, die Entwicklung der österreichischen Nation öffentlich anerkennen und
fördern? Wir können dies nicht nur, wir müssen es heute tun.13 Die Kurswende der
Partei wurde allerdings nicht in Österreich, sondern von der Komintern-Zen-
trale in Moskau festgelegt, der jedes Mittel zur Verhinderung des durch einen
möglichen Anschluss drohenden Machtzuwachses für ihren nationalsozia-
listischen Hauptwidersacher recht sein musste. Radomir Luža beschrieb die
Hintergründe dieser Einflussnahme: „Der Promotor der neuen KP-Politik der
österreichischen Unabhängigkeit, Georgi Dimitrov, Sekretär der Komintern,
setzte das Thema offensichtlich nach Abschluss des Abkommens vom 12.
Juli 1936 zwischen Hitler und Schuschnigg durch. Noch am 11. Juli hatte das
Politbüro der KPÖ die alte These aufrechterhalten, wonach sich 'die Öster-
reicher als Teil der deutschen Nation betrachten, mit der sie sich vereinigen
würden'“.14
Die Österreichische Nation galt den Monarchisten als einzige Hoff-
nung auf die Wiederkehr des habsburgischen Kaisertums, den Kommunisten
als Beitrag zur außenpolitischen Sicherheit der Sowjetunion. Nachdem ein
selbst aus Österreich stammender Diktator den Anschluss im Jahre 1938 den-
noch vollzogen hatte – allerdings unter Umständen, die sich erheblich von der
Vorstellung der demokratischen Großdeutschen des Jahres 1918 unterschie-
den – schien der Gedanke an ein eigenständiges österreichisches Staatswesen
12 Siehe dazu Oscar Schmitz, Der österreichische Mensch (Wien 1924).
13 Siehe dazu Rudolf [Alfred Klahr], Zur nationalen Frage in Österreich, in: Weg und
Ziel, Blätter für Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung, 2:3 (1937) 126–133, und 2:4 (1937)
173–181, und Franz Marek, Die österreichische Nation in der wissenschaftlichen Erkenntnis,
in: Die österreichische Nation, hrsg. von Albert Massiczek (Wien 1967) 156.
14 Radomir Luza, The Resistance in Austria, 1938–1945 (Minneapolis 1984) 23.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918