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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
fliehen. Die Soldaten schossen in die Luft und setzten einige Scheunen in
Brand. Eine Taubstumme wurde verletzt und die Bewohner aus ihren Häu-
sern verjagt, sie mussten anschließend in einem eiskalten Bach, mit Waffen
bedroht, einen halben Tag lang ausharren. Gegen 25 Personen wurden Er-
mittlungen eröffnet127. Die Carabinieri dementierten die ihrer Meinung nach
übertriebene Berichterstattung in den „Dolomiten“, und auch „La Stampa“,
die am 16. September einen Journalisten nach Tesselberg schickte, meinte,
dass die Vorwürfe der Misshandlung durch die Carabinieri frei erfunden sei-
en128. Tatsächlich scheinen die Berichte aber den Tatsachen zu entsprechen.
Viele Jahre später, am 26. Juli 1991, gab der Carabinierigeneral Giancarlo Giu-
dici, der 1964 als Oberstleutnant das Kommando über jene Truppen hatten,
die im Ahrntal die Terroristen verfolgten, zu, dass sein direkter Vorgesetzter,
Oberstleutnant Francesco Marasco, ihm befohlen habe, 15 Einwohner von
Tesselberg an Ort und Stelle zu erschießen und die Ortschaft in Brand zu
setzen. Nur aufgrund seiner Befehlsverweigerung wurde dieses Massaker
verhindert129. Dass es diesen brutalen Plan gab, wurde auch vom kommunis-
tischen Senator Lionello Bertoldi sowie von Senator Marco Boato – welcher
der Democrazia Proletaria angehörte und später zu den Radikalen und dann
den Grünen wechselte – bestätigt. Die beiden Senatoren legten am 14. und
15. April 1991 dem Untersuchungsausschuss zum Terrorismus zwei Berichte
über Terroranschläge in Südtirol vor130. Die italienische Regierung, vertreten
durch den Staatssekretär im Verteidigungsministerium Clemente Mastella,
bestritt zwar illegale Operationen131, offenbar hatte jedoch der italienische
Geheimdienst einen Informanten, Christian Kerbler, in den Kreis von Luis
Amplatz und Georg Klotz einschleusen können, der am 7. September 1964 im
127 Peterlini, Feuernacht 365–376.
128 La Stampa (17. September 1964).
129 Repubblica (27. Juli 1991), siehe http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repub-
blica/1991/07/27/il-colonnello-ordino-fucila-15-uomini.html
130 Berichte über durchgeführte Ermittlungen über Terrorismus in Südtirol, die von den Se-
natoren Boato und Bertoldi im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Terrorismus
in Italien und zur erfolglosen Aufklärung der Verantwortlichen der Anschläge eingereicht
wurden (Rom 1992), siehe https://www.senato.it/service/PDF/PDFServer/BGT/909972.pdf
131 Ebd. 40 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918