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Federico Scarano
erhoffte man sich den Abschluss einer endgültigen Übereinkunft, die den
Außenministern vorgelegt werden sollte139. Bis Jahresende kam es zu fünf
Treffen der Expertenausschüsse und zu weiteren zwei Außenministertreffen.
Am 16. Dezember 1964, nach einem geheimen Treffen zwischen Saragat und
Kreisky in Paris, war man scheinbar endlich zu einer Einigung gelangt: Ös-
terreich akzeptierte das Südtirol-Paket, welches von der Kommission vorge-
sehen wurde und das die von der SVP geforderten Anpassungen nicht be-
rücksichtigte. Italien akzeptierte, wie von Österreich gefordert, einen interna-
tionalen Schiedsgerichtshof für die Begutachtung der Umsetzung des Maß-
nahmenpakets. Dieser musste fünf Mitglieder umfassen: je eine Person aus
Österreich und Italien und zwei andere Personen aus einem anderen Land.
Von Österreich und Italien wurde je eine dieser Personen ausgewählt. Der
Vorsitzende wurde dann gemeinsam beschlossen.
Allerdings lehnten die Vertreter aus Nord- und Südtirol das Paket ab,
da für sie die Maßnahmen nicht zufriedenstellend waren. Die Ablehnung der
SVP verärgerte Kreisky zutiefst und hatte zur Folge, dass er sein Vertrauen
in die Partei verlor. Daraufhin gründete er die sozialdemokratische Partei mit
dem Namen „Soziale Fortschrittspartei Südtirol“ unter der Leitung des Boz-
ner Arztes Egmont Jenny, der jedoch keine bedeutenden Erfolge erzielte140.
Als Saragat am 28. Dezember 1964 zum italienischen Präsidenten ge-
wählt wurde, nahm Moro die Verhandlungen zur Lösung der Südtirolfrage
in die Hand. Es fanden zahlreiche Treffen mit Magnago statt, aber auch mit
dem Bundesparteiobmann der ÖVP, Josef Klaus, ab 2. April 1964 österrei-
chischer Bundeskanzler. Am 7. Dezember 1965 empfing Saragat Klaus und
Kreisky am Quirinal. Bei dieser Gelegenheit bekräftigte Moro seinen Willen,
zu einer freundschaftlichen Vereinbarung gelangen zu wollen, die auf den
gemeinsamen Werten der beiden Länder beruhte.
Es sollte noch weitere vier Jahre dauern, bis man zu einer Lösung fand. Diese
Zeit war von Anschlägen und vom Widerstand Moros gegen die Forderungen
der Linken, die mit der Sowjetunion sympathisierten141 und vor einem deut-
schen Revanchismus warnten, geprägt. Tatsächlich kam auch aus Deutsch-
land Unterstützung für die Terroristen, die Regierung in Bonn unter Ade-
139 Monzali, Mario Toscano 183.
140 Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror III 442–467.
141 Scarano, Aldo Moro 525 f.; Ders., Italia e mondo tedesco 69–75.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918