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Die Südtirolfrage und die Bundesrepublik Deutschland (1966–1969)
nur vorübergehend wäre, um Italien in Bezug auf die österreichischen euro-
päischen Aspirationen positiver zu stimmen. Anschließend sollten die Kont-
rollen offenbar wieder gelockert werden25. Es folgten weitere Anschläge und
eine Ausdehnung des Aktionsradius der Terroristen bis an die Adriaküste
wurde befürchtet.
Im Oktober stattete Helmut Lemke, Ministerpräsident von Schles-
wig-Holstein und Bundesratspräsident, Rom einen offiziellen Besuch ab, wo
er Fanfani und die Präsidenten der Abgeordnetenkammer sowie des Senats
traf. In seinem Bericht an Brandt skizzierte er Italiens Österreichpolitik: Es
bestehe keine prinzipielle Ablehnung einer österreichischen EWG-Assoziie-
rung, auch wenn die Streitfrage um Südtirol nicht gelöst werden könne, aber
man erwarte, dass die österreichische Regierung den Terrorismus nicht nur
mit Worten bekämpfe. Lemke beurteilte die italienischen Vorschläge positiv:
Die Inhalte des Pakets seien äußerst entgegenkommend hinsichtlich der Rechte
der Minderheiten, die Österreicher verfügten über alle notwendigen Mittel
zur Bekämpfung des Terrorismus und, dritter Punkt, der dem Präsidenten
von Schleswig-Holstein sehr am Herzen zu liegen schien, „angesehene und
Deutschland sehr wohlgesinnte italienische Politiker“ wünschten, dass die
deutsche Regierung Österreich in diese Richtung lenken sollte. Auch wenn
er sich der objektiven Schwierigkeiten des Drucks auf Wien bewusst war,
forderte er Brandt dazu auf, nachzudenken über das, was Saragat wiederholt für
Deutschland aufs Spiel gesetzt hat26. In seiner Antwort auf diesen Aufruf räumte
Brandt zwar ein, dass Wien lange Zeit milde mit dem Terrorismus umgegan-
gen war, er wolle aber angesichts der neuen und strengeren österreichischen
Politik – die auch von Italien anerkannt werde – im Augenblick nicht auf die
österreichische Regierung einwirken27. Brandt wollte jegliche Einmischung ver-
meiden und auch nicht vermitteln, wenn dies die rigorose Äquidistanz der
BRD zu Wien und Rom bedingen würde.
Die Erwartungen des österreichischen Kanzlers waren nicht einfach
zu deuten, wie die Berichte der deutschen Botschaft in Wien bestätigen.
25 ACS, Bestand Aldo Moro, Karton 111, Akte 689, Vermerk für den Ratsvorsitz, 5. Oktober
1967 (geheim).
26 PAA, Bestand B24, Band 603, in Bericht zum Italien-Besuch von Lemke an Brandt,
12. Oktober 1967.
27 PAA, Bestand B24, Band 603, Antwort von Brandt an Lemke, ohne Datum.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918