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Joachim Gatterer
dem Nationalliberalismus bestand, die auf einer latenten Kontinuität zu den
parlamentarischen Erfahrungen der bürgerlichen Revolution des Jahres 1848
aufbauen konnte5.
Der proletarische Internationalismus, wie ihn Karl Marx und Fried-
rich Engels 1848 im Kommunistischen Manifest propagiert hatten, war zum
Zeitpunkt der sozialdemokratischen Parteigründung in Tirol 1890 auch in-
nerhalb der europäischen Arbeiterbewegung zwar präsent, aber faktisch be-
reits in die Defensive geraten. Marx und Engels hatten die Nationalitätenfra-
ge Mitte des Jahrhunderts im Vergleich zur Sozialen Frage noch als sekundär
bewertet, dahingehend, dass sie sich mit Lösung der Klassengegensätze von
selbst verflüchtigen würde6. Spätestens nach der nationalen Einigung Italiens
1861 und Deutschlands 1871 bei gleichzeitigem Scheitern des ersten sozial-
revolutionären Experiments, der Pariser Kommune, musste die sozialistische
Arbeiterbewegung dem weitaus beständigeren Integrationspotential des Na-
tionalismus notgedrungen Rechnung tragen, was mit Gründung nationaler
bzw. staatsbezogener Arbeiterparteien u.a. in Deutschland (SPD), Österreich
(SDAP) und Italien (PSI) im Verlauf der 1870er bis 1890er-Jahre geschah7.
Um die Jahrhundertwende standen die österreichischen (und mit ih-
nen die Tiroler und Trentiner) Sozialdemokraten hinsichtlich der Auseinan-
dersetzung mit der Nationalitätenfrage vor einer besonderen Herausforde-
rung8, da ihr Bezugspunkt (noch) kein National- sondern ein Vielvölkerstaat
war, was sich u.a. im deutsch-italienisch geprägten Kronland Tirol manifes-
5 Zum Wahlrechtskampf der SDAP informiert ausführlich Peter Schöffer, Der Wahl-
rechtskampf der österreichischen Sozialdemokratie 1888/89–1897 (Stuttgart 1986); Vgl. Hans
Heiss, Thomas Götz, Am Rand der Revolution. Tirol 1848/49 (Wien–Bozen 1998) 109–124.
6 Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon
mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit
der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse. Die Herrschaft des Pro-
letariats wird sie noch mehr verschwinden machen. Vereinigte Aktion, wenigstens der zivilisierten
Länder, ist eine der ersten Bedingungen seiner Befreiung. In dem Maße, wie die Exploitation des einen
Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere
aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der
Nationen gegeneinander. Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei,
in: Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Bd. 4 (Berlin 1972) 479.
7 Vgl. Hans Mommsen, Nationalitätenfrage und Arbeiterbewegung in Mittel- und Ost-
europa, in: Arbeiterbewegung und Nationale Frage. Ausgewählte Aufsätze, hrsg. von Hans.
Mommsen (Göttingen 1979) 81–101, hier: 83–86.
8 Vgl. Pieter M. Judson, Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740–1918 (München
2017) 472–480.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918