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Joachim Gatterer
In Tirol kam das Brünner Nationalitätenprogramm vor allem den italieni-
schen Sozialisten des Trentino entgegen. Sie hatten bereits vor 1899 die na-
tional-liberalen Forderungen aus dem Jahr 1848 aufgegriffen13, die eine Auf-
wertung (durch Autonomie oder Sezession) des wirtschaftlich und politisch
benachteiligten Trentino gegenüber den privilegierten Deutschtiroler Ge-
bieten verlangte14. Vor allem Cesare Battisti, der noch während seiner Uni-
versitätsstudien in Österreich und Italien zur Integrationsfigur des Trentiner
Sozialismus avanciert war, verfocht die nationalen Interessen der Italiener
Österreichs mit Vehemenz. Anfangs vertrat er autonomistische Positionen,
die in der Forderung nach Errichtung einer italienischen Universität in Öster-
reich einen Kristallisationspunkt fanden15. Nach dem Scheitern dieses Unter-
fangens infolge der Schließung der kurzfristig eingerichteten italienischen
Rechtsfakultät an der Universität Innsbruck im Jahr 1904 (Fatti di Innsbruck)16
wandte sich Battisti – parallel zur nationalen Verselbständigung der Sozialde-
mokratie in Böhmen und anderen Gebieten der Monarchie17 – zusehends ir-
redentistischen Positionen zu. 1914, nach seiner Wahl in den österreichischen
Reichsrat nun auch sozialistischer Landtagsabgeordneter in Innsbruck, hatte
13 Zu den Autonomiebestrebungen des Trentino von 1848/49 siehe Heiss, Götz, Revo-
lution 125–129. Über die Autonomiepolitik der Trentiner Sozialisten um 1900 informiert
ausführlich Vincenzo Calì, Patrioti senza Patria. I democratici trentini fra otto e novecento
(Trento 2003) 145–161.
14 Hierzu Cesare Battisti 1897 exemplarisch: Wir sind davon überzeugt, dass der Landtag mit
Sitz in Innsbruck, bestehend aus 25 Abgeordneten des Trentino und 42 Abgeordneten der deutschen
Länder, nicht in der Lage ist, im Sinne des gemeinsamen wechselseitigen Vorteils für beide Landesteile,
Trentino und Tirol, sich dessen bewusst zu werden, dass zwischen unserem Land und Tirol enorme
Unterschiede bestehen, die deshalb nicht mit denselben Normen geregelt werden können. Es genügt,
einen Blick auf die Kultur, die Sprache und auf die Sitten, auf die Produkte, das Klima, die Böden und
den Handel zu werfen. Cesare Battisti zitiert nach Vincenzo Calì, Patrioti senza Patria 150.
(Übers. d. Verf.)
15 Zu Battistis Positionen in der Autonomiefrage siehe Cesare Battisti, Una campagna
autonomistica. Il partito socialista e l’autonomia del Trentino (1895–1901). Note storiche e
riassunti di discorsi (Trento 1901).
16 Über die nationalistischen Ausschreitungen rund um die Eröffnung der italienischen
Rechtsfakultät informiert ausführlich Universität und Nationalismus. Innsbruck 1904 und
der Sturm auf die italienische Rechtsfakultät, hrsg. von Michael Gehler, Günther Pallaver
(Trient 2013).
17 Über das nationale Auseinanderdriften der SDAP im Vorfeld des Ersten Weltkriegs
informiert ausführlich Raimund Löw, Der Zerfall der „Kleinen Internationale“. Nationalitä-
tenkonflikte in der Arbeiterbewegung des alten Österreich (1889–1914) (Wien 1984).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918