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Joachim Gatterer
Dass die österreichische Sozialdemokratie nicht imstande war, das eth-
no-linguistische Nationskonzept zu überwinden, hängt indes damit zusam-
men, dass ethnonationale Identitätsvorstellungen um 1900 bereits tief in die
oberflächlich supranationale Arbeiterbewegung eingedrungen waren21. Als
Gegenstück zur ideologischen Entwicklung Battistis verdeutlicht dies auf
deutschtiroler Seite der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Simon
Abram, der Battistis Forderung nach einem eigenen Landtag für das Trentino
den Leitlinien des Brünner Nationalitätenprogramms entsprechend billigte,
allerdings mit den Worten daß es nicht zuletzt, ja vielleicht in erster Linie im Inter-
esse des deutschen Landesteiles und der Deutschen Österreichs überhaupt gelegen ist,
wenn die Deutschen dieses Staates bei einer Neuordnung der Dinge ihre Angelegen-
heiten selbst bestellen22.
2) Die österreichische Sozialdemokratie befand sich zu keinem Zeit-
punkt in der Lage, das Brünner Nationalitätenprogramm rechtlich umzuset-
zen. Die monarchische Staatsverfassung und das bis 1907 geltende Kurien-
wahlrecht hielten sie de facto von der Macht fern. Spätestens mit Ausbruch
des Weltkriegs 1914 wurde ihr reformistischer Vorschlag zur Lösung des
österreichischen Nationalitätenproblems von einer in Europa längst schwe-
lenden Kriegspolitik endgültig überrollt23. Cesare Battistis Bruch mit der
Sozialdemokratie, sein Werben für den italienischen Kriegseintritt gegen
Österreich, die anschließende Gefangennahme als Angehöriger eines Alpi-
ni-Corps und seine Verurteilung zum Tod durch ein österreichisches Militär-
gericht im Jahr 191624 wurde durch Karl Kraus’ literarische Verarbeitung über
Tirol hinaus zum Sinnbild für das Scheitern des Brünner Nationalitätenpro-
gramms und des österreichischen Vielvölkerstaates insgesamt25. Kaiser Karls
21 Vgl. Helmut Konrad, Wurzeln deutschnationalen Denkens in der österreichischen
Arbeiterbewegung, in: Sozialdemokratie und „Anschluß“. Historische Wurzeln, Anschluß
1918 und 1938, Nachwirkungen. Eine Tagung des Dr.-Karl-Renner-Instituts, Wien, 1. März
1978, hrsg. von Ders. (Wien 1978) 19–30.
22 Simon Abram, zitiert nach Gerhard Oberkofler, Arbeiterbewegung in Tirol. Ein Bei-
trag zu ihrer Geschichte vom Vormärz bis 1917 (Innsbruck 1976) 91.
23 Bobikova, Arbeiterbewegung und die Nationalitätenkämpfe vor 1914 38–41.
24 Hans Hautmann, Militärprozesse gegen Abgeordnete des österreichischen Parla-
ments im Ersten Weltkrieg, in: Mitteilungen der Alfred-Klahr-Gesellschaft 2:21 (2014) 1–11.
25 Sie [die Ansichtskarte, die den toten Battisti zeigt] wurde von amtswegen hergestellt, am
Tatort wurde sie verbreitet, im Hinterland zeigten sie „Vertraute“ Intimen, und heute ist sie als ein
Gruppenbild des k. k. Menschentums in den Schaufenstern aller feindlichen Städte ausgestellt, ein
Denkmal des Galgenhumors unserer Henker, umgewertet zum Skalp der österreichischen Kultur. Es
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918