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Joachim Gatterer
zialdemokratie ab – dem vermutlich einzigen politischen Milieu, in dem für
seine Schrift am ehesten eine positive Resonanz zu erwarten gewesen wäre35.
Die Südtiroler Sozialdemokratie war Anfang der 1930er-Jahre in or-
ganisierter Form indes nicht mehr existent. Unmittelbar nach der Teilung Ti-
rols hatten sich ihre führenden Exponenten zur Südtirolfrage noch zu Wort
gemeldet. Auch sie hatten vor dem Hintergrund des 14-Punkte-Programms
von US-Präsident Wilson noch 1920 das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol
gefordert36. Damit lagen sie auf einer Linie mit der Internationalen Sozialis-
tenkonferenz von Amsterdam des Jahres 1919, die sich in Bezug auf Öster-
reich und Deutschland einschließlich Südtirols ebenso für die Schaffung
eines, dem Willen der breiten Bevölkerung entsprechenden, großdeutschen
Einheitsstaates ausgesprochen hatte37. Ebenso hatten die Tiroler Sozialdemo-
kraten 1919 im Tiroler Landtag gegen das katholisch-konservative Modell
eines Tiroler Freistaats, für die Union Tirols mit Österreich, gegen die Abtre-
tung Südtirols an Italien und für den gesamtösterreichischen Anschluss an
Deutschland argumentiert38. Noch 1921 warben sie anlässlich der parteiüber-
35 Vgl. Leopold Steurer, I Flor. Approccio biografico tra scienza e utopie concrete, in: Se
non c’è Amore che Storia è? Nuovi materiali di lavoro per Fabrizio Rasera, hrsg. von Quinto
Antonelli, Diego Leoni (Rovereto 2008) 195–218, hier: 206.
36 Die Sozialdemokratische Partei in Südtirol fordert auf Grund des Nationalitätenprogramms
das Selbstbestimmungsrecht für alle von einer fremdsprachigen Nation unterjochten Völker. Wir sind
überzeugt, daß zwischen dem deutschen und italienischen Volke sofort ein im beiderseitigen Interes-
se gelegenes gutes Verhältnis eintreten wird, sobald sich das Proletariat gegenseitig die Bruderhand
drückt. Dann ist auch die sogenannte strategische Brennergrenze überflüssig und das geeinte Italien
hat gar keine Ursache, das fremdsprachige Südtirol gewaltsam zu unterjochen. Sollte uns durch den
Widerstand der bürgerlichen und militaristischen Kreise das Selbstbestimmungsrecht derzeit verwei-
gert werden, so fordern wir unbedingt die Trennung des früheren Südtirol in zwei Teile, die Provinz
Südtirol und die Provinz Trentino. Der Tiroler (Bozen, 11.8.1920) 2 f.
37 Die Konferenz fordert für Deutschösterreich das Recht, sich an Deutschland anzuschließen! Fer-
ner fordert sie für alle deutschen Teile des früheren Oesterreich das Recht, sich über die Frage, zu wel-
chem Staate sie gehören wollen, auszuweisen. Peroni (Italien) legt die nachdrückliche Verwahrung gegen
eine Angliederung Tirols an Italien ein. Die italienischen Sozialisten könnten eine Gewaltpolitik nicht
billigen. Volks-Zeitung (Innsbruck, 30.4.1919) 1.
38 Der Erklärung, Tirol zu einer selbständigen Republik auszurufen, wenn dadurch das deutsche
Südtirol uns erhalten bleiben kann, können wir nicht beitreten: 1. weil es dem Grundsatze des Selbstbe-
stimmungsrechtes der Völker widerspricht, von diesem nur nach einer bestimmten Richtung Gebrauch
machen zu müssen. Nicht Ländern, sondern Völkern muß das Selbstbestimmungsrecht zustehen. Fer-
ners weil von der Entente nach keiner Richtung eine bindende Zusicherung vorliegt, daß Deutsch-Süd-
tirol einem selbständigen Tirol angegliedert und den wirtschaftlichen Bestand Tirols sichern will. 2.
Weil wir die felsenfeste Ueberzeugung haben, daß ein selbständiges Tirol nie ein wirtschaftlich lebens-
fähiges Staatsgebilde sein könnte und die breiten Schichten der Arbeiter, Beamten und Kleinbauern im
Rahmen eines solchen Staates sich nie zu einer menschenwürdigen Existenz emporzuarbeiten in der
Lage wären. 3. Weil wir uns vom deutschen Volke und von Deutschösterreich, mit dem wir durch die
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918