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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
Verrat an Südtirol vorwarf – ungeachtet dessen, dass Österreich als Kriegs-
verlierer 1919 in dieser Angelegenheit wehrlos mit dem Rücken zur Wand
gestanden hatte46.
Den stichhaltigen Argumenten gegen Mussolinis Entnationalisie-
rungspolitik, die allerdings von mittellosen Sozialdemokraten und Kommu-
nisten kamen, entzogen die innenpolitischen Erfolge des Hitlerregimes (Saar-
abstimmung 1935, Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland 1936) alsbald
weiteres Terrain. Im Gegensatz zu Frankreich und Spanien, wo das sozia-
listische Lager, zur „Volksfront“ geeint, in dieser Zeit die Regierungsgewalt
übernehmen und sich bis 1939 aktiv gegen den europäischen Faschismus
betätigen konnte, bestand für Sozialdemokraten und Kommunisten in Tirol
und Südtirol – sofern sie als Internationalisten nicht in den Spanischen Bür-
gerkrieg zogen47 – spätestens nach dem gescheiterten Februaraufstand in Ös-
terreich 1934 keine realistische Aussicht darauf, Regierungspolitik in näherer
Zukunft aktiv mitzugestalten48.
Mit dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 verbuchte Hitler
schließlich den finalen Erfolg, der einer längst illegalen und zersplitterten
Linken in und um Tirol vorerst gänzlich den Wind aus den Segeln nahm, hat-
te das NS-Regime doch eine zentrale Forderung sozialistischer Nationalitä-
tenpolitik – Österreichs Zusammenschluss mit Deutschland (wie ihn u.a. die
Tiroler Sozialdemokraten 1921 gefordert hatten) – realisieren können. Dass
der nationalsozialistische „Anschluss“ allerdings nicht auf eine Befriedung
Europas hinauslief, sondern die absehbare Vorstufe eines neuen Weltkriegs
46 Die Nationalsozialisten in Österreich plakatierten 1932 in Wien antisozialistische Pla-
kate mit folgendem Wortlaut: Seit Jahren wird der Nationalsozialismus von der Partei der organi-
sierten Landes- und Arbeiterverräter mit einer wahren Hochflut von Lügen und Verleumdungen über-
schüttet. Es ist eine der schändlichsten Lügen, wenn die Sozialdemokratie dem Nationalsozialismus
Verrat an Südtirol vorwirft. Wer hat den Dolchstoß von 1918 geführt, durch den das Volk dem Gegner
bedingungslos ausgeliefert und auf Jahrzehnte versklavt wurde? (…) Wer hat die Schandverträge un-
terzeichnet, die uns Südsteiermark, Südtirol, Deutschböhmen gekostet und uns zu Tributsklaven der
Hochfinanz gemacht haben? (…) Wollen sich die sozialdem. Führer heute als Verteidiger „deutschen
Volkstums“ aufspielen? (…) Die Sozialdemokratie hat nicht nur Südtirol, sondern ganz Deutschland
verraten! Wien, Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB), Bildarchiv und Grafiksammlung,
Signatur PLA16316977; 1932/25 (4853).
47 Vgl. Joachim Gatterer, Friedrich Stepanek, Internationalismus und Region: Über die
schwierige Einordnung antifaschistischer Spanienkämpfer in regionale Erinnerungsdiskur-
se am Beispiel Tirol und Südtirol, in: Geschichte und Region/Storia e regione 1/25 (2016)
143–158, hier: 145–152.
48 Vgl. Oberkofler, Tiroler Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis zum Ende des
2. Weltkrieges 250–261.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918