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Joachim Gatterer
SVP, worauf Kreisky seine Zusammenarbeit mit der Südtiroler Volkspartei
einstellte und parallel zum Ausscheiden der SPÖ aus der österreichischen
Bundesregierung 1966 die Gründung der Sozialen Fortschrittspartei Südti-
rols (SFP) unterstützte77. Die bis 1978 im Südtiroler Landtag vertretene SFP
vertrat Kreiskys Lösungsvorschlag fortan im politischen Diskurs Südtirols78,
übte als Oppositionspartei mit geringem Wählerzuspruch aber faktisch kei-
nen Einfluss auf die Autonomieverhandlungen aus.
Auch die italienischen Linksparteien hatten das erneute Aufflammen
der Südtirolfrage in den späten 1950er-Jahren als Steilvorlage genutzt. Da sich
sowohl PSI als auch KPI in Trient, Rom und Bozen in Opposition befanden,
gab ihnen die Forderung der SVP nach mehr Autonomie für Südtirol die
Möglichkeit, die Politik der regierenden Christdemokraten (DC) als verfehlt
zu kritisieren. Vor allem die KPI, die aufgrund der Logik des Kalten Krieges
auf absehbare Zeit von der Staatsregierung ausgeschlossen war, forcierte in
ganz Italien früh ihre Regionalpolitik, mit dem Ziel, auf diesem Weg gewis-
sermaßen über die Hintertür zur Macht zu gelangen79. Diese Strategie sah für
Südtirol zweierlei Aktivitäten vor: Auf parlamentarischer Ebene wurde der
SVP eine Zusammenarbeit angeboten, die Senator Mauro Scoccimarro bereits
1956 in Bozen ausführlich darlegte. Dabei war die KPI zwar nicht bereit, von
der Brennergrenze und der Einheitsregion Trentino-Südtirol abzurücken,
erkannte allerdings eine reale Benachteiligung der deutsch- und ladinisch-
sprachigen Bevölkerung an, die durch eine Neujustierung der Autonomie
für Südtirol aufgehoben werden müsse80. Im Bereich der Parteiorganisation
77 Steininger, Diplomatie und Terror Bd. 3, 238–248 u. 442–467; Gatterer, „rote milben
im gefieder“. Sozialdemokratische, kommunistische und grün-alternative Parteipolitik in
Südtirol (Innsbruck–Wien–Bozen 2009) 47–51.
78 Die Soziale Fortschrittspartei Südtirols vertritt nach wie vor den Standpunkt, daß nur eine
echte Landesautonomie, d.h. eine tatsächliche Selbstverwaltung der Südtiroler, die Südtirolfrage lösen
kann. Da es sich um ein internationales Problem zwischen Österreich und Italien handelt, ist es auch
selbstverständlich, daß jede neue Abmachung international fixiert und garantiert sein muß, so wie es
z.B. die Außenminister Saragat und Kreisky im Dezember 1964 vorgesehen hatten. Der Fortschritt
(Bozen, 30.3.1967), 1.
79 Vgl. Aldo Agosti, Storia del Partito comunista italiano 1921–1991 (Roma–Bari 1999)
54–62, 68–74.
80 Der Autonomie muss das Prinzip zu Grunde liegen, dass hier die Bedingungen für ein dauer-
haftes und friedliches Zusammenleben einer italienisch-deutschen Gemeinschaft, in welcher die freie
Entfaltung beider Volksgruppen gesichert ist, geschaffen werden. Daher muss die deutsche Volksgrup-
pe angezogen und zur Gänze in unser ziviles und politisches Leben und dessen Organisation, in die
öffentlichen und privaten Institutionen, in die öffentliche Verwaltung einbezogen und mit öffentlichen
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918