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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
Auch Bruno Kreisky hatte Mitglieder des BAS in Wien persönlich zum Ge-
spräch empfangen, erklärte aber später in seinen Memoiren, den Männern
von terroristischen Aktivitäten ausdrücklich abgeraten zu haben94. Dass sich
der italienische Verleger und revolutionäre Untergrundaktivist Giangiacomo
Feltrinelli für die Anschläge des Befreiungsausschusses interessierte, wäh-
rend seines Aufenthalts in Meran 1964 jedoch nicht mit den BAS-Kreisen
in Verbindung treten konnte, soll an dieser Stelle nochmals unterstreichen,
wie groß die ideologische Distanz des Südtirolterrorismus zur Geisteswelt
der kommunistischen, nicht-chauvinistischen Befreiungsbewegungen der
1960er-Jahre und 70er-Jahre (Cuba, Algerien, Vietnam u.a.) letzten Endes
war95. Die Verwicklungen osteuropäischer Geheimdienste in den Südtirol-
terrorismus stellten wiederum den Versuch dar, die Situation in Südtirol für
eine propagandistische Kompromittierung des Westens auszunutzen, hatten
letztlich aber keine entscheidenden Auswirkungen auf den Lösungsverlauf
des Südtirolkonflikts96.
Kritik der Neuen Linken am Zweiten Autonomiestatut
Die Umsetzung der ersten Maßnahmen des Zweiten Autonomiestatuts führte
parallel zum Verschwinden der Südtiroler Sozialdemokratie um die Partei-
en SFP und SPS in den späten 1970er-Jahren auch dazu, dass der deutsch-
national-rechtsextreme Südtirolterrorismus allmählich abebbte97. Der so-
wohlbekannte extremistische Kreise westdeutscher Prägung im Schilde führen. Sandro Canestrini,
Plädoyer. Allgemeiner Teil, in: Der Mailänder Prozeß. Plädoyers der Verteidigung (Wien–
Frankfurt–Zürich 1969) 384 f.
94 In Südtirol gab es Tendenzen, den Forderungen nach dem Selbstbestimmungsrecht durch Ter-
rorakte größeren Nachdruck zu verleihen. Ich habe die maßgebenden Vertreter dieser Richtung – in-
tegre, ehrliche, knorrige Typen – zu mir nach Hause eingeladen und sie dringend vor solchen Aktionen
gewarnt. Aus dem Umstand, daß ich sie freundschaftlich empfing, wurden sehr bösartige, entgegen-
gesetzte Schlüsse gezogen. Bruno Kreisky, Im Strom der Politik. Der Memoiren zweiter Teil
(Wien 1988) 158. Vgl. Christoph Franceschini, Bruno Kreisky und die Attentäter – Mythos
und Wirklichkeit, in: Bruno Kreisky und die Südtirolfrage. Akten des Internationalen Kol-
loquiums aus Anlass seines 25-jährigen Todestages. Bozen, 12. Juni 2015, hrsg. von Gustav
Pfeifer, Maria Steiner (Bozen 2016) 123–152.
95 Zu Feltrinellis Interesse am Südtirolkonflikt siehe Gerald Steinacher, Giangiacomo
Feltrinelli, ein Flugblatt und Südtirols Bombenjahre, in: Skolast. Zeitschrift der Südtiroler
HochschülerInnenschaft 2 (2003) 74–78.
96 Vgl. Thomas Rieger, „Wir setzen uns rein und mischen da richtig mit“: Die DDR-Staats-
sicherheit und der Südtirolkonflikt, in: Zeitgeschichte 3 (2013) 166–180, hier: 177.
97 Günther Pallaver, Die Befriedung des Südtirolterrorismus. Verhandlungen, Konkor-
danzdemokratie, Machtteilung, in: Politika11. Jahrbuch für Politik, hrsg. von Ders. (Bozen
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918