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Joachim Gatterer
ziale Aufschwung, den die deutschsprachige und ladinische Bevölkerung
im Zuge des Ausbaus der lokalen Selbstverwaltung nunmehr erlebte, schuf
jedoch eine neue nationale Schieflage, da der positive Entwicklungstrend
teilweise auf Kosten der italienischsprachigen Bevölkerung erfolgte. Mit Be-
ginn der Arbeitsplatzvergabe in der öffentlichen Verwaltung nach dem 1976
eingeführten „ethnischen Proporz“ reduzierten sich Berufschancen, öffent-
liche Finanzressourcen und damit Zukunftsperspektiven gerade für die ita-
lienischsprachige Bevölkerung Südtirols, die in der Öffentlichen Verwaltung
bis dahin vorwiegend beschäftigt gewesen war98. Als jene Parteien, die den
ethnischen Proporz in den 1960er-Jahren ausverhandelt und mit Verabschie-
dung des Zweiten Autonomiestatuts im Parlament verfassungsrechtlich ver-
ankert hatten, verloren sowohl Christdemokraten als auch die italienischen
Linksparteien über die 1980er-Jahre bei Landtags- und Kommunalwahlen in
Südtirol drastisch an Zustimmung99. Das parallel zur Umsetzung des Zweiten
Autonomiestatuts ansteigende Unbehagen der Italiener Südtirols (sogenann-
ter „Disagio“) konnten vor allem die italienischen Neofaschisten (Movimento
Sociale Italiano, MSI) auffangen. Deren seit 1948 praktizierte Totalverweige-
rung gegenüber der Südtirolautonomie verschärfte die politische Lage in der
Region, wobei der MSI nach Verabschiedung des Zweiten Autonomiestatuts
bis weit in die 1990er-Jahre hinein stur auf einer Totalrevision dieser Rege-
lung beharrte100.
Demgegenüber formulierte die aus der 68er-Bewegung hervorgegan-
gene Neue Linke/Nuova sinistra bereits Ende der 1970er-Jahre konstruktive
2011) 427–453, hier: 445–451.
98 Giovanni Poggeschi, Der ethnische Proporz, in: Die Verfassung der Südtiroler Auto-
nomie. Die Sonderrechtsordnung der Autonomen Provinz Bozen/Südtirol, hrsg. von Joseph
Marko (Baden-Baden 2005) 322–331.
99 1978 hielten Kommunisten, Sozialisten, deutsche und italienische Sozialdemokraten
und die Neue Linke im Südtiroler Landtag gemeinsam sieben Mandate, die Democrazia
Cristiana vier Mandate und der MSI ein Mandat. 1993 kam der Partito Democratico della
Sinistra als einzig verbliebene italienische Linkspartei auf ein Mandat, die DC-Nachfolge-
partei Partito Popolare auf zwei Mandate und der MSI auf vier Mandate. Südtirol Handbuch
hrsg. von der Autonomen Provinz Bozen (Bozen 2007) 80, 84.
100 Günther Pallaver, Südtirols politische Parteien 1945–2005, in: Die Region Trenti-
no-Südtirol im 20. Jahrhundert. I. Politik und Institutionen, hrsg. von Giuseppe Ferrandi,
Günther Pallaver. (Trient 2006) 589–628, hier: 615 f. Zum Unbehagen (Disagio) der Italiener
Südtirols seien folgende zwei Publikationen exemplarisch genannt: Hartmann Gallmetzer,
Meine Heimat Südtirol – mein Vaterland Italien. Ein Gespräch mit Romano Viola (Bozen
1999); Lucio Giudiceandrea, Spaesati. Italiani in Südtirol (Bozen 2007).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918