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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
Fazit
Die eingangs zitierte These, wonach die politische Linke über keine eigenen
Konzepte zur Lösung der Tiroler Nationalitätenfrage verfüge, lässt sich auf
Basis der dargestellten Quellen nicht aufrechterhalten. Vielmehr wurde er-
sichtlich, dass sich die Tiroler Nationalitätenfrage im Verlauf des späten 19.
und gesamten 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss des europäischen Na-
tionsbildungsprozesses stetig veränderte, worauf die Exponenten der so-
zialistischen Arbeiterbewegung stets aufs Neue zu reagieren hatten. Tiroler
Nationalitätenfrage bedeutete in diesem Sinne bis zum Ausbruch des Ersten
Weltkriegs vor allem die Beschäftigung mit den Autonomiebestrebungen des
Trentino (unter Einfluss des italienischen Risorgimento im Kontext der zer-
fallenden Habsburgermonarchie). In der Zwischenkriegszeit stellte sich die
Nationalitätenfrage als Frage nach der Rückgliederung Südtirols an Nordtirol
in Verbindung mit einem österreichischen Zusammenschluss mit Deutsch-
land (vor dem Hintergrund des Siegeszugs des europäischen Faschismus).
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs meinte Nationalitätenfrage in Tirol erneut
in erster Linie die Südtirolfrage; nun allerdings parallel zur Entwicklung ei-
nes eigenen Österreichbewusstseins in Nordtirol (vor dem Hintergrund des
Kalten Krieges).
Die politische Linke formulierte in allen drei Phasen Antworten auf
die jeweiligen Nationalitätenfragen. Es fällt jedoch auf, dass die theoreti-
schen Grundlagen (proletarischer Internationalismus, Autonomie gegenüber
einem übergeordneten Staat, nationale Selbstbestimmung bis zur Sezession)
nicht in Tirol entwickelt, sondern von außen (teils auch von bürgerlichen Ti-
roler Parteien) in die regionale Arbeiterbewegung hineingetragen wurden.
Nur in wenigen Fällen (z.B. im Rahmen der Arbeiten am sozialdemokrati-
schen Autonomieentwurf für Südtirol 1920) wurden sie zu konkreten und
ausführlichen Lösungsvorschlägen elaboriert, die über punktuelle Forderun-
gen (nach einer italienischen Universität, nach einer nicht näher ausgearbei-
teten Selbstbestimmungsentscheidung) hinausreichten. Erst mit Alexander
Langers Konzept der Interethnizität kann von einer linken Alternativlösung
für das Nationalitätenproblem gesprochen werden, die auf Basis der konkre-
ten politischen Realität in der Region entwickelt wurde, ohne sich explizit
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918