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Joachim Gatterer
auf importierte theoretische Konzepte zu berufen, wodurch sie erste Ansätze
eines alternativen Südtirolpatriotismus hervorbringen konnte.
Der Erfolg jedweder Nationalitätenpolitik ist weiters – auch das wur-
de in den Ausführungen evident – letztlich an den Zugang zur politischen
Macht gekoppelt. Die sozialistische Arbeiterbewegung Tirols wurde dies-
bezüglich von zwei entscheidenden Hemmnissen stark eingeschränkt: Zum
einen befand sie sich in der Region gegenüber ihren Konkurrenzparteien un-
terschiedlicher ideologischer Ausprägung durchwegs in einer klar unterlege-
nen Position, die über längere Zeiträume sogar bis hin zur Illegalität reichte.
Zum anderen wurde eine tirolspezifische Nationalitätenpolitik häufig außer-
halb der Region – in staatlichen Regierungsgremien in Wien, Rom, Berlin,
auf internationalen Friedenskonferenzen und vor den Vereinten Nationen
– betrieben, d.h. in einem Kontext, in welchem Exponenten der regionalen
Arbeiterbewegung durchwegs keinen, bestenfalls einen indirekten Einfluss
geltend machen konnten.
Aus diesen Hemmnissen ergab sich folglich, dass sozialistische Na-
tionalitätenpolitik in Tirol und Südtirol über weite Strecken, bis in die zweite
Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein, fast ausschließlich im Stadium der Theo-
riebildung steckenblieb. Die Praxis beschränkte sich auf die innere Organi-
sation der eigenen Parteien bzw. politischen Bewegungen, in denen phasen-
weise (etwa in der altösterreichischen Sozialdemokratie, in der KPI nach 1945,
in der Neuen Linken) stärker als in bürgerlichen Parteien die Realisierung
kosmopolitischer und internationalistischer Ideen versucht wurde. Nationale
Gegensätze blieben jedoch auch in diesen Parteien latent bestehen; ebenso ge-
lang es den jeweiligen Parteien nicht, als konsequent antinationalistische oder
a-nationale Parteien mehrheitsfähig zu werden. Im Falle der altösterreichi-
schen Sozialdemokratie lieferte das Schicksal Cesare Battistis darüber hinaus
ein symbolträchtiges, breit rezipiertes (negatives) Exempel für das Scheitern
des Tiroler Internationalismus, während wichtige (positive) Beiträge zur Be-
friedung des Südtirolterrorismus (etwa durch Bruno Kreiskys diplomatische
Verhandlungen oder Sandro Canestrinis Engagement als Strafverteidiger der
Südtiroler Sprengstoffattentäter) in diesem Zusammenhang nur bescheidene
und verspätete Würdigungen erfahren haben. So bot die Südtiroler Landes-
verwaltung beispielsweise 2015 anlässlich des ersten Symposiums zu Bruno
Kreiskys Südtirolengagement (40 Jahre nach dem Scheitern des Kreisky-Sara-
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918