Page - 456 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 456 -
Text of the Page - 456 -
456
Thomas Riegler
1. Kreisky – der „Minister für das Äußerste“
Bruno Kreisky (1911–1990) hat als sozialdemokratischer Politiker, Außen-
minister (1959–1966) und als Bundeskanzler (1970–1983) die österreichische
Nachkriegsgeschichte in einem Ausmaß geprägt, dass von der Ära des „Son-
nenkönigs“ die Rede ist. 1971, 1975 und 1979 erreichte er mit der „Sozialdemo-
kratischen Partei Österreichs“ (SPÖ) jeweils Mehrheiten. Innenpolitisch führ-
te Kreisky umfangreiche gesellschaftspolitische Reformen durch, etablierte
einen Wohlfahrtsstaat und schärfte das Profil Österreichs als internationale
Begegnungsstätte.
Im Juni 1959 wurde mit Kreisky nicht nur zum ersten Mal ein Sozial-
demokrat Außenminister, sondern stand als solcher erstmals einem von Bun-
deskanzleramt unabhängigen Ministerium vor2. Die Situation in Südtirol war
eine der ersten großen Herausforderungen, die er sich stellen musste. Am 1.
August 1959, nur zwei Wochen nach seiner Amtsübernahme als Außenmi-
nister in der „großen Koalition“ von Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP), traf
Kreisky im Innsbrucker Landhaus Politiker aus Nord- und Südtirol3. Kreisky
erklärte Südtirol infolge zum Thema Nr. 1 der österreichischen Außenpoli-
tik. Schon bald trug er den Beinamen „Minister für das Äußerste“ – „intern
nannte man ihn in Anspielung auf Andreas Hofer ‚Andreas‘, was er nicht
ungern hörte“, so der Zeithistoriker Rolf Steininger4. Kreiskys Zugang in der
Südtirolfrage war betont realpolitisch-pragmatisch: Es handle sich nicht um
ein Grenzproblem zwischen Italien und Österreich, sondern um eine „de-
mokratie- und gesellschaftspolitisch noch unzureichend gelöste Frage der
Schaffung einer gleichberechtigten Mitbestimmung aller Bürger ohne Unter-
schied der sprachlichen Zugehörigkeit bei allen politischen Entscheidungs-
prozessen“, so der Historiker Leopold Steurer. Kreiskys Ziel war daher keine
Grenz-Revision, sondern Selbstbestimmung für die deutschsprachige Süd-
tiroler Bevölkerung im Rahmen einer echten Landesautonomie5.
2 Maria Steiner, Einführung, in: Pfeifer–Steiner, Kreisky und die Südtirolfrage 169–190, hier 185.
3 Peterlini, Feuernacht 66.
4 Rolf Steininger, Bruno Kreisky und die Südtirolfrage, in: Dolomiten 22./23.1.2011.
5 Leopold Steurer, Historische Hintergründe zur Feuernacht. Über Ursachen, Verlauf
und Konsequenzen der Südtirol-Attentate der 1960er Jahre, in: Ein Tirol – zwei Welten. Das
politische Erbe der Südtiroler Feuernacht von 1961, hrsg. von Manuel Fasser (Innsbruck
2009) 163–186, hier 175.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918