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Was wusste Bruno Kreisky?
In Südtirol war zu diesem Zeitpunkt bereits die Entscheidung getroffen wor-
den, zum Mittel der Gewalt zu greifen. Die Wurzeln dieses Konflikts rund
um nationale Selbstbestimmung und Minderheitenrechte reichen bis zur
Friedensordnung nach Ende des 1.Weltkriegs zurück. Das deutschsprachige
Gebiet zwischen Brenner und Salurner Klause wurde 1919 Italien zuerkannt.
Unter dem faschistischen Regime wurde Südtirol dann einer strengen Poli-
tik der „Italienisierung“ unterworfen – durch Förderung von Zuwanderung,
„Entnationalisierung“ der deutschsprachigen Bevölkerung sowie „Umsied-
lung“ von Südtirolern (Option) nach einem entsprechenden Abkommen mit
Nazi-Deutschland (1939). Nach Ende des 2. Weltkriegs einigten sich Öster-
reich und Italien 1946 auf eine Autonomie für Südtirol, deren Umsetzung je-
doch verschleppt wurde. Hatten dagegen schon Ende der 1940er Jahre ver-
einzelte Bombenanschläge stattgefunden, führte die weiter fortschreitende
„Italienisierung“ Ende der 1950er Jahre zu einer allmählichen Radikalisie-
rung des Protests. Der 1958 gegründete BAS machte zunächst mit zivilem
Ungehorsam auf sich aufmerksam, etwa durch Hissen der Südtiroler Fahne
auf Kirchtürmen, Hungerstreik oder durch Flugblattaktionen. Aus Unzufrie-
denheit mit der als zurückhaltend empfundenen Vorgangsweise der Südti-
roler Volkspartei (SVP) und weiteren Rückschritten seitens der italienischen
Politik kam die BAS-Führung Ende 1958/Anfang 1959 zur Ansicht, dass nur
eine härtere Gangart Erfolg verspräche6.
Das ehemalige BAS-Mitglied Josef Fontana beschrieb diesen Umdenk-
prozess so: Wollte man in der Südtirolpolitik eine Wende herbeiführen, musste man
schärfere Mittel einsetzen. Kurz gesagt: Dynamit. […] Spricht man in diesem Zusam-
menhang von Gewalt, dann muss man festhalten, dass nur Gewalt gegen Sachen in
Frage kam. Menschen sollten nicht zu Schaden kommen.7 Ab Anfang 1961 beging
der BAS erste „demonstrative“ Bombenanschläge. In der Feuernacht vom 11.
auf den 12. Juni 1961 wurden alleine 37 Strommasten gesprengt. Daraufhin
wurden 24.000 Soldaten und 10.000 Carabinieri (Militärpolizisten) nach Südti-
rol verlegt. Es kam zu Massenverhaftungen und Folterungen von BAS-Leuten.
Die Gewalt schaukelte sich so weiter hoch: Zwischen 1961 und 1967 starben
15 Militärs, Polizisten und Zöllner. Weiters kamen zwei Zivilisten sowie vier
6 Hans Karl Peterlini, Südtiroler Bombenjahre. Von Blut und Tränen zum Happyend
(Bozen 2005) 345.
7 Fontana, Mayr, Kerschbaumer 101.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918