Page - 486 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 486 -
Text of the Page - 486 -
486
Thomas Riegler
die geringen Schaden an der Außenmauer anrichtete110. Davor hatte Kreis-
ky einen wichtigen Erfolg ganz ohne diese „Begleitmusik“ verbucht: Die
UNO-Generalversammlung verabschiedete am 31. Oktober 1960 die ers-
te Südtirolresolution, in der Österreich und Italien „dringend“ zu direkten
Verhandlungen aufgefordert wurden. Freilich war es nur der Start für einen
schwierigen Prozess, von dem zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar war,
wie er sich entwickeln würde. Schon beim Auftakt in Mailand Ende Jänner
1961 ging man ergebnislos auseinander. In diese Situation platzte der erste
aufsehenerregende Anschlag des BAS in Waidbruck in der Nacht vom 29. auf
den 30. Jänner 1961. Weitere „Nadelstiche“ folgten – vier Explosionen zerstör-
ten im Frühjahr 1961 die unbewohnte Villa eines faschistischen Senators so-
wie Rohbauten für italienische Zuwanderer in Bozen, Meran und Sarnthein.
Bei einer nächsten Runde in Klagenfurt ließ Italiens Außenminister Antonio
Segni zum ersten Mal Verhandlungsbereitschaft durchblicken. Er deutete an,
dass man in Rom eine inneritalienische Lösung mit den Südtirolern bevor-
zugen würde111.
Auch wenn eine direkte Kontrolle über die Untergrundbewegung
nicht gegeben war, so nutzte die österreichische Seite die BAS-Aktionen im
diplomatischen Schlagabtausch für ihren Vorteil. Neben der Erzeugung me-
dialer Aufmerksamkeit für das Südtirolproblem, ging es darum, Italien dazu
zu bringen, substanziell zu verhandeln. Nicht umsonst verfügte der BAS mit
Ermacora über einen wichtigen Unterstützer und Informanten innerhalb der
österreichischen Delegation, der über den Fortgang telefonisch berichtet ha-
ben soll112. Die Feuernacht vom 11. auf den 12. Juni 1961 fand genau 24 Stun-
den vor dem Beginn einer viertägigen Vorbereitungsrunde vor dem nächsten
Außenministertreffen in Zürich statt. Den Regeln der Diplomatie folgend,
distanzierte sich Kreisky umgehend: Er verurteilt diese Anschläge schärfstens
und ersucht mich, bei Waldbrunner und Gorbach zu erwirken, dass der Ministerrat
morgen sich sehr entschieden von dieser neuen Terrorwelle distanziert.113 Und so
110 Christoph Franceschini, „Die Ständer sind geladen“, in: profil 48 (1991) 68–71, hier 68.
111 Peterlini, Innenansichten 10 f.
112 Mosser, Schuöcker, Jelinek, Feuernacht 74.
113 12.6.1961: Tagebucheintrag Martin Fuchs (Wien), in: Akten zur Südtirol-Politik 1959–
1969. Band 3: 1961. Das Krisenjahr. Erster Halbband Jänner-Juni, hrsg. von Rolf Steininger
(Innsbruck 2007) 363.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918