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Thomas Riegler
Uhr am 23. September 1963 wurde das Löwendenkmal zwischen Traunkir-
chen und Ebensee gesprengt. Stunden später fiel ein am Dach einer Gondel
der Feuerkogel-Seilbahn deponiertes Sprengstoffpaket beim Anfahren her-
unter. Gefahr ging keine davon aus, weil die Bombe defekt war. Eine dritte
Ladung war an einem Solebehälter in der Saline Ebensee angebracht – die-
se ging beim Entschärfen hoch. Rayonsinspekor Kurt Gruber war sofort tot.
Zwei weitere Gendarmen wurden schwer verletzt126. Die Attentate erfolgten
nicht ohne Kalkül: Wie ein pensionierter italienischer Geheimdienstmann
im Rahmen der TV-Dokumentation „Bombenjahre“ (2005) angab, herrschte
bei den Diensten die Meinung, dass der Südtirolterror in Österreich enden
würde127. Noch 1967 erhielt man inoffizielle Informationen, dass mit Attentaten
und Sprengstoffanschlägen auch in Österreich, sozusagen Gegenmaßnahmen, zu
rechnen sei, wie sich der damalige Außenminister Lujo Toncic-Sorinj (ÖVP)
erinnerte128. Aufgrund neuer Forschungen wird zudem deutlich, dass einige
Anschläge, die man dem BAS zuschrieb, manipuliert worden waren. Damit
wurde Druck auf Österreich ausgeübt, schärfer gegen den Terrorismus vor-
zugehen129.
Dass die Gewalt spätestens ab 1963 auf österreichisches Territorium
übergegriffen hatte, machte den BAS in seinem „Hinterland“ zur belasten-
den Hypothek. Und so steigerte sich das Vorgehen der Behörden von Jahr zu
Jahr. Ursprünglich, so Franceschini, genoss der BAS vor allem in Nordtirol
„fast ‚Narrenfreiheit‘“130. Schon im Frühjahr 1961 hatte man genügend Indi-
zien und Beweise beisammen, „die zu einer sofortigen Inhaftierung mehre-
126 Thomas Riegler, „Werwölfe”, Geheimbündler und Südtirol-„Bumser”: Die Anfänge
des Rechtsterrorismus in Österreich, in: Journal for Intelligence, Propaganda and Security
Studies 2 (2016) 81–118, hier 110.
127 Franceschini, Lechthaler, Bombenjahre.
128 Lujo Toncic-Sorinj, Erfüllte Träume. Kroatien – Österreich – Europa (Wien 1982) 345.
129 Zu den Vorfällen, die trotz widersprüchlicher Beweislage hastig dem BAS als Attentate
angelastet wurden, zählen unter anderen: Der Mord an dem Carabiniere Vittorio Tiralongo
(1964), die Schüsse auf die „Manuela Bar“ am Reschenpass (1965), die Explosion in einer
Schutzhütte am Pfitscherjoch (1966), die Detonation in einer Kaserne auf der Steinalm (1965)
sowie die Minenfalle auf der Porzescharte (1966). Vgl. dazu: Hubert Speckner, „Zwischen
Porze und Roßkarspitz…“ Der „Vorfall“ vom 25. Juni 1967 in den österreichischen sicher-
heitsdienstlichen Akten (Wien 2013) sowie Ders., Von der „Feuernacht“ zur „Porzeschar-
te“… Das Südtirolproblem der 1960er Jahre in den österreichischen sicherheitsdienstlichen
Akten (Wien 2016).
130 Franceschini, Sprengstoffanschläge 496 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918