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Luciano Monzali
schlossen einen „Operationskalender“ mit einer Reihe von Maßnahmen, zu
deren Umsetzung sich die zwei Regierungen verpflichteten, um die Spannun-
gen im bilateralen Verhältnis abzubauen. Die italienische Regierung erklärte
ihre Absicht, ein Paket zugunsten Südtirols (bestehend aus Änderungen der
Klauseln des Regionalstatus, Sondergesetzen und Verwaltungsverordnun-
gen) zu verabschieden. Ein besonders wichtiger Teil der Kopenhagener Eini-
gung waren die Dokumente, welche die Beilegung des Streites betrafen: die
Mitteilung der Streitbeilegung an die Vereinten Nationen, die Übereinkunft,
eventuelle Kontroversen hinsichtlich der Auslegung und Umsetzung der bi-
lateralen Verträge zwischen den beiden Staaten vor dem Haager Internatio-
nalen Gerichtshof zu verhandeln, und die sogenannte quietanza, das heißt die
eigentliche Streitbeilegungserklärung Österreichs.
Nach italienischem Verständnis war der „Operationskalender“ kein
internationales Abkommen, sondern eine zeitliche Abfolge von unilateralen Hand-
lungen, welche die italienische und die österreichische Regierung, jede für ihren Teil,
zu vollziehen beabsichtigten, um zur Beilegung des Streites über die Umsetzung des
Pariser Abkommens zu gelangen: Der von Moro und Waldheim vereinbarte
„Operationskalender“ war demnach kein neuer, ergänzender oder zusätz-
licher Vertrag zum Gruber-De-Gasperi-Abkommen, das nach Ansicht der
italienischen Regierung mit dem Erlass des Autonomiestatus für die Region
Trentino-Südtirol von 1948 bereits in vollem Umfang erfüllt worden war und
als „einziger rechtsgültiger Text“ zwischen Österreich und Italien galt. Zu
betonen ist, dass das zwischen der Südtiroler Volkspartei und der römischen
Regierung vereinbarte Maßnahmenpaket aus italienischer Sicht rein innen-
politischen und unabhängigen Charakter hatte und folglich für Letztere keine
neuen internationalen Verpflichtungen darstellte. Ebenso wenig akzeptabel
wäre es für Italien gewesen, wenn Österreich einzelne Maßnahmen des Pa-
kets infrage gestellt hätte9. Anders jedoch war die österreichische Auslegung
der Kopenhagener Einigung: Aus Wiener Sicht war Italien dem Gruber-De
Gasperi-Abkommen nicht vollständig nachgekommen, daher kam die Ko-
penhagener Einigung der Erfüllung des Vertrags vom September 1946 gleich
9 Roberto Gaja, In margine ai più recenti sviluppi in Alto Adige, in: Rivista di studi po-
litici internazionali LIV:4 (1988) 587 ff., insbesondere 591; Istituto Luigi Sturzo (hiernach ILS),
Archivio Giulio Andreotti (hiernach AA), serie Austria, b. 791, Ministero degli Affari Esteri,
Intese di Copenaghen, febbraio 1984. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918