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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
und war somit ein neuer internationaler Vertrag. Auch das Maßnahmenpaket
wurde als internationale Verpflichtung oder zumindest als eine juristische
Verbindlichkeit Italiens gegenüber Österreich verstanden, das Anspruch auf
das Mitbestimmungsrecht in Südtirol erhob10.
In Dezember präsentierte der italienische Regierungschef Mariano
Rumor im italienischen Parlament den in Kopenhagen festgeschriebenen
„Operationskalender“ sowie das Südtirol-Paket und erhielt dafür eine gro-
ße parlamentarische Mehrheit. Auch das österreichische Parlament stimmte
dem Moro-Waldheim-Abkommen zu. Mit der sogenannten „Kopenhagener
Einigung“ nahm die dramatischste Phase des Konflikts zwischen den bei-
den Staaten ein Ende, und es begann eine allmähliche Entspannung der zwi-
schenstaatlichen Beziehungen.
Von den frühen 1970er-Jahren an profilierte sich Giulio Andreotti als
wichtiger politischer Leader. Im Sommer 1970 wurde der römische Politiker
erstmals mit der Regierungsbildung beauftragt. Doch die Erfüllung dieser
Aufgabe misslang. Zwei Jahre später, also 1972, wurde Andreotti zum Re-
gierungschef ernannt und Staatspräsident Giovanni Leone vertraute ihm die
Regierungsbildung an, mit dem Auftrag, das Land in vorgezogene Parla-
mentswahlen zu führen. Die Wahlen vom Mai 1972, die für die Regierungs-
mitglieder enttäuschend ausfielen und aus denen die rechtsradikale Partei
Movimento Sociale Italiano (MSI) gestärkt hervorging, bewegten die DC
dazu, sich zur Mitte hin zu orientieren und unter Beteiligung der „Libera-
len Partei“ eine von Andreotti geleitete Regierung zu bilden. Der scheidende
Minister Moro wehrte sich gegen diese zentristische Strategie und lehnte ein
Mandat als Minister in der neuen Regierung ab. Im Juni 1972 wurde der aus
der Emilia-Romagna stammende Giuseppe Medici von der DC neuer Außen-
minister11.
10 Für einen Vergleich zwischen der italienischen und der österreichischen Auslegung
der Moro-Waldheim-Einigung siehe Marco Di Ruzza, L’Austria e l’Alto Adige. La „Funzione
di Tutela“ austriaca verso il Sudtirolo nei rapporti diplomatici Roma-Vienna, (Soveria Man-
nelli 2009) 27 ff.; Marco Di Ruzza, Francesco Sordini, Lorenzo Trapassi, Il diritto delle mi-
noranza nella nuova Europa. I principi del Trattato di Lisbona ed i loro riflessi sul modello
dell’autonomia altoatesina (Soveria Mannelli 2010) 16 ff.
11 Siehe dazu Guido Formigoni, Storia d’Italia nella Guerra Fredda (1943–1978) (Bologna
2016) 422–428. Zwischen 1972 und 1973 arbeitete Andrea Cagiati als diplomatischer Haupt-
berater im außenpolitischen Bereich eng mit Andreotti zusammen. Nach Ende von Andreot-
tis Mandat wurde Cagiati zum Botschafter in Wien ernannt. Dieses Amt bekleidete er von
1973 bis 1980. Über Cagiati siehe seine Memoiren und Schriften: Andrea Cagiati, I sentieri
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918