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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
zifischen Kommissionen erarbeitet werden (Sechserkommission und Zwöl-
ferkommission), die im Einverständnis mit der SVP aufgrund der Komplexi-
tät des Themas die geplante Durchführungsfrist für das Paket von 1974 weit
überschritten. Wie Roberto Gaja später anmerkte:
Es wurde doch sehr bald klar, dass die Diskussionen innerhalb der Kommis-
sion (Sechserkommission), die die Durchführungsmodalitäten betreffend die
„Maßnahmen“ zu überprüfen hatte, sich in die Länge gezogen hätten. Hätte
die Kommission länger gebraucht, so durfte Rom die Maßnahmen, welche so-
wohl von der Rossi-Kommission als auch im „Maßnahmenpaket“ angeführt
worden waren, eigenständig durchführen: Man einigte sich zwar darüber,
wenn die Arbeit der Kommission zu viel Zeit in Anspruch nahm, dass die
Regierung in Rom selbständig die von der Kommission Rossi vorgeschla-
genen und im „Paket“ enthaltenen Punkte ausführen könne. Nach langem
Überlegen schien es jedoch sinnvoller, die Fristen für die Fertigstellung der
Maßnahmen im „Paket“ aufzuschieben, damit man noch die ausdrückliche
Zustimmung der Südtiroler Vertreter bei der Formulierung jeder einzelnen
Maßnahme einholen konnte.13
Man hielt also die Fristen des „Operationskalenders“ schlichtweg nicht ein.
Die Verabschiedung des neuen Regelwerkes stellte jedenfalls einen wichtigen
Schritt hin zu einer Entspannung der italienisch-österreichischen Beziehun-
gen dar. Die langsame Umsetzung des Pakets und die unvollständige förm-
liche Beilegung der italienisch-österreichischen Streitigkeiten auf der Basis
des „Operationskalenders“ blieben freilich noch ungelöste Probleme, welche
die Beziehungen zwischen Wien und Rom verkomplizierten. Im Laufe der
1970er-Jahre ist trotzdem eine Normalisierung der Lage in Südtirol festzu-
stellen, die zu einer schrittweisen Entspannung der Beziehungen zwischen
den Volksgruppen führte, obwohl in den darauffolgenden zehn Jahren wie-
der nationale Spannungen aufflammten. Dieser langsame Friedensprozess
innerhalb der Südtiroler Gesellschaft lässt sich anhand verschiedener Fak-
toren erklären. Zunächst einmal hatten die Mehrheit der deutschsprachigen
Bevölkerung und die Parteichefs der SVP nicht mehr das Gefühl, Italien
wolle sie mit einer Entnationalisierung bedrohen. Ein weiteres Element, das
13 Gaja, In margine ai più recenti sviluppi in Alto Adige 587 ff. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918