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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
Berater Ludwig Steiner39, herzustellen. Außerdem spielte er eine wichtige
Rolle bei der Schaffung einer positiven Stimmung zwischen beiden Ländern,
indem er zwischen den beiden Regierungen bei der Schlichtung des Südti-
rol-Streites vermittelte.
Doch für die italienischen Politiker blieb der EG-Beitritt Österreichs an
die Lösung der Südtirolfrage gekoppelt. Und diese Position unterstrich An-
dreotti auch am 12. Dezember 1987 bei einem Treffen mit Österreichs Außen-
minister Mock in Klagenfurt. Zum einen bestätigte der italienische Politiker,
sein Land sei an der Annährung Österreichs an die Europäische Gemein-
schaft interessiert und befürworte sie, gab aber ebenso zu verstehen, dass
Italien größten Wert auf die Lösung des Südtirol-Konflikts lege40.
Ministerpräsident Giovanni Goria traf den SVP-Chef Magnago am
1. Dezember 1987 und bekräftigte seine Absicht, das Paket bis zum Jahresende
vervollständigen zu wollen. Er stieß aber dabei auf den Wiederstand des Süd-
tiroler Politikers, der meinte, die verfügbare Zeit wäre zu knapp, um die noch
offenen Fragen zu klären41. Laut der SVP seien Angelegenheiten wie die An-
wendung der deutschen Sprache in den Gerichten, in den Polizeiämtern und
in den öffentlichen Einrichtungen, die Anwendung des ethnischen Proporzes
bei der italienischen Eisenbahn in Südtirol, die Einschreibung nichtdeutsch-
sprachiger Schüler in deutschsprachigen Schulen und weitere kleinere Sach-
verhalte offene Punkte gewesen, die es zu lösen galt. Aufgrund des Wider-
stands der SVP und der Instabilität der italienischen Regierungen konnte
das Paket bis 1987 nicht abgeschlossen werden. In den Jahren 1988 und 1989
war aber ein Ende der Südtirol-Streitigkeit doch in Sicht. Die Parteien, wel-
che die vom Kanzler Franz Vranitzky geleitete österreichische Regierung an-
führten – die Österreichische Volkspartei (ÖVP) und die Sozialistische Partei
Österreichs (SPÖ) –, waren zur Einsicht gelangt, dass die Einigung mit Rom
forciert werden müsse. Ein klares Signal für diese neue Einstellung Wiens
setzte man im Sommer 1988 mit der parlamentarischen Genehmigung, den
österreichisch-italienischen Vertrag von 1971 bezüglich der Gerichtsbarkeit
39 Zu Ludwig Steiner, dem aus Tirol stammenden Politiker und Diplomaten siehe Lud-
wig Steiner, Diplomatie-Politik. Ein Leben für die Einheit Tirols. Ein Leben für Österreich.
1972–2007 (Bozen–Innsbruck–Wien 2008).
40 Andreotti: Gorbaciov riabilita anche Dio, in: Il Tempo (13. Dezember 1987); Andreotti
rassicura Mock „Per l’Alto Adige prossima la conclusione“, in: l’Unità (13. Dezember 1987).
41 ILS, AA, Trentino-Alto Adige, b. 21, Fontana Giusti an Bottai, 11. Dezember 1987.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918