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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
Die französische Präsidentschaft der EWG nahm den österreichischen An-
trag offiziell zur Kenntnis, erinnerte jedoch an das Problem der Neutralität
des österreichischen Staates und betonte die Position der Europäischen Ge-
meinschaft, die in erster Linie die Schaffung des Europäischen Binnenmark-
tes bis 1992 anstrebte und neue Beitritte erst nach dem Abschluss dieses Pro-
zesses zu erwägen gedachte50.
Der Beitrittsantrag Österreichs erfolgte mit Unterstützung der Bun-
desrepublik Deutschland und Italiens, stieß jedoch anfangs auf nicht wenige
Hindernisse und Schwierigkeiten. Es war ein Akt, der sich in einem heiklen
politischen Moment vollzog, da sich die über Jahrzehnte hinweg konsolidier-
ten Gleichgewichte veränderten. Viele europäische Regierungen befürchteten
Schritte, welche die Übergangsphase in Osteuropa schwieriger und komple-
xer gestalten könnten. Nicht zufällig wies der belgische Außenminister von
Anfang an auf ein Vereinbarkeitsproblem mit einem EWG-Beitritt Österreichs
aufgrund seiner Neutralität hin. In zahlreichen europäischen Regierungs-
kanzleien herrschte der Wille vor, nichts zu unternehmen, was die Sowjet-
union als feindliche Geste interpretieren könnte, da für diese der neutrale
Status Österreichs jahrzehntelang ein wichtiges Element ihrer Europapolitik
dargestellt hatte. Ende Juli 1989, genau in dem Monat, in dem das Beitritts-
ansuchen Österreichs eingereicht wurde, bildete Giulio Andreotti eine neue
Regierung, die sechste unter seiner Führung, die bis April 1991 bestehen und
auf die ein weiteres Kabinett Andreottis folgen sollte, das bis zum 28. Juni 1992
im Amt blieb.
Andreotti führte somit die letzten Regierungen der sogenannten Ers-
ten Republik an und musste machtlos zusehen, wie die DC und ihre Verbün-
deten politisch an Macht verloren. Die Regierungen Andreottis waren der
letzte Schauplatz der Fünferpartei beziehungsweise der Koalition zwischen
DC, Sozialisten, Liberalen, Sozialdemokraten und Republikanern, die über-
wiegend an der Führung des Landes in den 1980er-Jahren beteiligt gewesen
waren. Unter Ministerpräsident Andreotti wurde der aus Venetien stammen-
de Sozialist Gianni de Michelis zum Außenminister ernannt. Andreotti spiel-
shall-Plan bis zur EU. Österreich und die europäische Integration von 1945 bis zur Gegen-
wart.
50 Siehe dazu ILS, AA, Austria, b. 792, Ministero degli Affari Esteri, CEE-Austria, ohne
Datum (aber Juni 1990).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918