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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
a) Den Forderungen von Riz nachkommen und zu einer raschen Beendigung
der Südtirol-Frage gelangen, was die von uns stets verteidigte rechtliche These
unterminieren und voraussichtlich negative Reaktionen im Parlament sowie
in der Presse auslösen würde. Diese Gefahr könnte insofern vermindert wer-
den, als Österreich nicht auf das Schreiben reagiert und kommentiert oder
dieses Schreiben lediglich zur Kenntnis nimmt (In diesem Zusammenhang
könnten sofort diplomatische Maßnahmen in die Wege geleitet werden). Da-
bei muss man sich allerdings vor Auge führen, dass Österreich – egal, was
Italien tut oder schreibt – sich an das internationale Gericht wenden und sich
dabei auf einen angeblichen Verstoß seitens Italiens gegen das Statut oder die
Paketmaßnahmen beziehen kann. In solchem Fall könnte der internationale
Gerichtshof bei einem von uns erhobenen Einwand der Unzulässigkeit jedoch
beschließen, der Einspruch sei zulässig.
b) Den Forderungen von Riz nicht nachkommen und das „Paket“ formell ab-
schließen. Dabei würde man Österreich auffordern, die „Quietanza liberato-
ria“ ohne das Einverständnis der Südtiroler auszustellen. Somit stünde die
österreichische Regierung vor einem Dilemma: Soll Österreich eine grund-
sätzlich fällige Entscheidung treffen, die aber politisch gesehen sehr schwierig
ist und von der freiheitlichen Opposition angefochten wird? Oder soll der
österreichische Staat sich lieber mit Italien auf einen Streit einlassen, was
allerdings negative Auswirkungen auf den erhofften Beitritt zur EWG haben
würde? Wie dem auch sei, bliebe der Fall auf innenpolitischer Ebene offen.
Aus diesem Grund erlaube ich es mir, von dieser Entscheidung abzuraten.
c) Zeit gewinnen und jegliche Entscheidung über den endgültigen Abschluss
des „Pakets“ auf die nächste Regierungs- bzw. Parlamentsbildung aufschie-
ben. Diese Entscheidung birgt jedoch das Risiko, die Situation auf lokaler
Ebene zu verschärfen. Die Südtiroler würden somit viel mehr Forderungen
stellen, während das zukünftige Parlament in Italien und die sich in Öster-
reich herauskristallisierenden Parteiverhältnisse (mit einem starken Anwach-
sen der Freiheitlichen Partei) eine einstimmige Lösung des Streitfalls nicht
begünstigen würden.66
66 Ebd. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918