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Hans Heiss
Friedensverträge von St. Germain von Österreich an Italien abgetreten wor-
den war, hatte sich nach der Assimilationspolitik des faschistischen Regimes
(1922–1943), der Teilauswanderung deutscher und ladinischer Bevölkerungs-
teile infolge der Südtirol-Option 1939 ins „Großdeutsche Reich“ sowie nach
der NS-Besetzung 1943-45 auch nach dem Zweiten Weltkrieg problematisch,
oft auch krisenhaft gestaltet9. Eine Rückkehr zur neu gegründeten Republik
Österreich wurde 1945/46 von den Alliierten ausgeschlossen, dafür aber im
Pariser Abkommen vom 5. September 1946 eine Autonomie in Aussicht ge-
stellt10. Für deren Umsetzung trat Österreich – vor allem seit dem Staatsver-
trag 1955 – zunehmend engagiert ein und sorgte mit dem Bundesland Tirol
für die Befassung der UN-Generalversammlung mit der ungelösten Minder-
heitenfrage, gegen den Widerstand der römischen Regierung: Denn diese be-
wertete die Situation des „Alto Adige“ und die politische Zuständigkeit für
die Frage als rein inneritalienisches Problem, für dessen Behandlung Öster-
reich nicht legitimiert sei.
Mit dem sogenannten „Paket“, einem Bündel von Zuständigkeiten der
Selbstverwaltung, das eine große Landesversammlung der Südtiroler Volks-
partei 1969 nach heftiger Debatte annahm, und mit dem Zweiten Autonomie-
statut 1972 wurde ein Durchbruch erzielt, der Selbstverwaltung und Rechte
der deutschen und ladinischen Sprachminderheit spürbar erweiterte. Bemer-
kenswert: In dieser Phase ab 1972 lancierte der Tiroler Landeshauptmann
Eduard Wallnöfer (1963-1987) auch die sogenannte „Arbeitsgemeinschaft der
Alpenländer“, in deren großräumigen Kontext auch die Beziehung zwischen
Tirol und Südtirol neu verortet wurde11.
Nach einer erfolgreichen Implementierungsphase der Autonomie von
1972 wurde der vor den UN anhängige Streit zwischen Italien und Österreich
nach über 30 Jahren 1992 beendet. Die seit 1960 als Streitpunkt zwischen Itali-
en und Österreich anhängige Südtirolfrage wurde im Juni 1992 vor der UNO
9 Monumental-sperriger Überblick: Rolf Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie
und Terror 1947–1969 (= Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 7–9, Bozen 1999);
anregend: Michael Gehler, Tirol im 20. Jahrhundert. Vom Kronland zur Europaregion
(Innsbruck 2008).
10 Vgl. 70 Jahre Pariser Vertrag, hrsg. von Walter Obwexer, Eva Pfanzelter (Wien 2017).
11 Vgl. Andrej Werth, Raum – Region – Tirol. Die (De-)Konstruktion politischer Räume
am Beispiel der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino (= Marie Jahoda sozialwissenschaft-
liche Studien 4, Frankfurt a. Main 2011) 196–200.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918