Page - 554 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Image of the Page - 554 -
Text of the Page - 554 -
554
Hans Heiss
men vorgezeichnet war, den erleichterten Austausch bestimmter Warengrup-
pen in einer frühen Phase der Nachkriegspolitik ermöglicht26.
Auf seiner Grundlage wurden die vor Gründung der EWG und dem
Beitritt Österreichs zur EG 1995 spürbaren Zollbarrieren und prohibitiven
Schranken des Grenzverkehrs in manchen Bereichen erleichtert. Die Kom-
munikation zwischen Nord und Süd lebte durch die Stärkung des Indivi-
dualverkehrs nach 1950 auf und gewann durch die Eröffnung der Brenner-
autobahn, die 1964 von Innsbruck bis zum Brenner führte und bis 1974 auf
der Strecke Brenner Verona komplettiert wurde, erhöhte Dynamik27. Auch die
infolge der Anschläge 1961 kurz eingeführte Visapflicht für Österreicher war
nicht von langer Dauer. So hatte die Entwicklung von Wirtschaft und Ver-
kehrskommunikation die Beziehungen zweifellos gefördert.
Zur Verflechtung trugen auch zentrale Förderlinien bei, etwa im Bil-
dungsbereich, wo die Leopold-Franzens-Universität dank konstant rund
4.000 Studierender aus Südtirol offiziell als „Landesuniversität“ der Autono-
men Provinz Bozen galt28. An der Alma Mater Oenipontana sorgten großzü-
gige Gleichstellungsregelungen für erleichterten Zugang zur Inskription an
den Fakultäten, zumal im Fach Medizin. Südtiroler Studierende der Medizin
konnten stets auf eine im Vergleich zu anderen Ausländern erhöhte Zugangs-
quote bauen. Ein weiterer Anreiz für Studierende war ein stattliches Angebot
an Heimplätzen und Studienförderungen.
Auch im sensiblen Bereich medizinischer Behandlung stand die Uni-
versitätsklinik Innsbruck Patienten aus Südtirol offen, die hier mit ärztlicher
Einweisung auf Kosten des Südtiroler Gesundheitssystems auf vordbildhaf-
tem Niveau behandelt wurden. Damit stellte das Bundesland Tirol in den Be-
reichen Bildung und Gesundheit eine attraktive Angebotsschiene bereit und
setzte wichtige Stränge der Verbindung. Die zwei Schneisen von Hochschul-
bildung und medizinischer Betreuung wurden gern genutzt, wobei die finan-
zielle Last überwiegend der Bund und das Land Tirol trugen, während Süd-
tirols Beitrag nur die unmittelbare medizinische Versorgung abgalt. Bildung
26 Vgl. Woelk, Ein Jahrzehnt regionale Kooperation 206 f.
27 Vgl. Magdalena Pernold, Traumstraße oder Transithölle. Eine Diskursgeschichte der
Brennerautobahn in Tirol 1950–1980 (= transcript histoire 92, Bielefeld 2016).
28 Südtiroler Studierende an österreichischen und italienischen Universitäten 2002/03,
in: ASTAT-Information 18 (2004) 4.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918