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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
Die wechselseitige Abgrenzung brach immer wieder auf und ließ wenig
Spielraum für Illusionen. Die Interessen zwischen Nord und Süd traten allzu
oft auseinander und gingen in so unterschiedliche Richtung, dass auch Kon-
flikte fallweise unvermeidbar waren.
• Verkehrspolitik: In der sensiblen Frage der Verkehrsbelastung entlang
der Brennerachse wurden die nördlich des Brenners durchgesetzten,
maßvollen Auflagen gegen den Straßen-Güterverkehr im Süden keines-
wegs von vergleichbaren Maßnahmen flankiert38. Die im Norden ange-
strebten LKW-Kontingentierungen, die Mauterhöhung und das Nacht-
fahrverbot blieben von der Staatsgrenze abwärts bis Verona fernab jeder
Realisierung. Auch wenn die Tiroler Verkehrspolitik aufgrund der öster-
reichischen Neutralität und „Blockfreiheit“ sich bis 1995 der Freizügig-
keitspflicht der EU entzog, wurden wichtige Maßnahmen den Anpas-
sungs- und Homologierungspflichten der EU vertraglich entzogen. In
Südtirol hingegen setzte man weiterhin auf das Prinzip der freien Fahrt,
die auf der Brennerautobahn A 22 nur durch das Überholverbot für
LKW’s (ab 1997) und Tempo 110 km/h gedämpft wurde, das Tempolimit
war aber – da polizeilich kaum kontrolliert – ein Papiertiger.
• Auch die wirtschaftliche Kooperation zeigte nur begrenzte Ansätze39,
da der gegenseitige Wettbewerb der Länder die Zusammenarbeit bei
weitem überwog. Keine Rede war davon, dass sich der Tourismus in Ti-
rol und Südtirol zu einer gemeinsamen Marke verband, die Tirol-Wer-
bung und die Südtirol-Marketing-Gesellschaft SMG (ab 2015: IDM)
blieben scharfe Konkurrenten beim Kampf um Gäste. Stattdessen übte
Österreichs Senkung der Unternehmenssteuern durch die Regierung
Schüssel erheblichen Sog auf die Ansiedlung italienischer Unternehmen
im Norden. Dies kam letztlich aber auch Südtiroler Unternehmen zu-
gute, die sich um das Jahr 2000 zur Niederlassung vor allem in Osttirol
mit gutem Arbeitskräfteangebot und günstigem, behördlich wenig re-
glementiertem Gewerbebauland bereitfanden. Das Brixner Phototech-
nik-Unternehmen Durst verlegte als einer der wichtigsten Vorreiter sein
38 Vgl. Werth, Raum – Region – Tirol 225 ff.
39 Vgl. ebd. 220 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918