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4. Die Schattenebene: Geheimdienst und NKVD-Truppen 217
4.3.3. Zwangsrepatriierung von Kosaken
Die zweite Aktion betraf die Auslieferung von mehr als 40.000 Kosaken und
Kaukasiern (von sowjetischer Seite durchwegs als Vlasov- und Domanov-
Angehörige bezeichnet) durch die britische Besatzungsmacht zu Pfingsten
1945 in Judenburg. Ihre Zwangsrepatriierung führte sie ins sowjetische Straf-
lager oder direkt in den Tod. Noch während des Transports nach Judenburg
und auf der dortigen Murbrücke war es zu Selbstmorden gekommen, um
dem Schicksal der Auslieferung an die UdSSR zu entgehen.260 An ihrer Über-
nahme und ihrem Abtransport über Lager in Bruck an der Mur, Graz und
Feldbach beteiligten sich sämtliche in der Steiermark stationierten Grenzregi-
menter, aber auch die GUKR „Smerš“ des Volkskommissariats für Verteidi-
gung der UdSSR.261
Die Sowjets bereiteten sich umfassend auf die Auslieferung dieser „Va-
terlandsverräter“ vor. Am 24. Mai 1945 ordnete der Leiter der NKVD-Trup-
pen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor
Pavlov, an, zwei Schützenbataillone des 25. Grenzregiments im südsteiri-
schen Mureck in ihrer Gesamtstärke zusammenzuziehen. Den zuständigen
Kommandanten erteilte er den Befehl, „kriegsgefangene ‚Vlasov-Leute‘“ ab
dem 28. Mai von den Briten zu übernehmen und abzutransportieren. Zur
„Durchführung der Operation“ erfolgten Beratungen des Offizierskorps so-
wie Partei- und Komsomolzenkonferenzen. Schulungen mit Titeln wie „Die
Vlasov-Leute – Verräter der Heimat“ oder „Mit Ehre werden wir den vom
Kommando erteilten Auftrag erfüllen“ sollten etwaige Skrupel unter den Sol-
daten zerstreuen und sie auf den Einsatz vorbereiten.262
der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko,
3.7.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 103.
260 Zur Thematik vgl. insbesondere: Nikolaj Tolstoy, Die Verratenen von Jalta. Die Schuld der Alliier-
ten vor der Geschichte. München 1981, S. 207f., 312–316; Heinrich Detleff v. Kalben – Constantin
Wagner, Die Geschichte des XV. Kosaken-Kavalleriekorps. Faßberg 1990; Joachim Hoffmann, Die
Geschichte der Wlassow-Armee. Freiburg 1986. Zur Übergabe und Repatriierung der Kosaken und
Vlasov-Truppen vgl. Karner, Die Steiermark im 20. Jahrhundert, S. 323–325; Karner, Die Steiermark
im Dritten Reich, S. 426; Stefan Karner, Zur Auslieferung der Kosaken an die Sowjets 1945 in Ju-
denburg, in: Johann Andritsch (Hg.), Judenburg 1945 in Augenzeugenberichten. Judenburg 1994,
S. 243–259; Stefan Karner, Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sow-
jetunion. Kriegsfolgen-Forschung. Bd. 1. Wien – München 1995, S. 20–24; Karner – Ruggenthaler,
(Zwangs-)Repatriierung sowjetischer Staatsbürger, S. 248–255; Beer, Das sowjetische „Intermezzo“,
S. 47–49; Eliseeva, Zum Schutz des Hinterlandes der Roten Armee, S. 98, 103; Petrov, Die Inneren
Truppen des NKVD/MVD, S. 232; Anthony Cowgill, The Repatriations from Austria in 1945. Cow-
gill Inquiry. The Documentary Evidence Reproduced in Full from British, American, German and
Yugoslav Sources. London 1990.
261 Christoforov, SMERŠ, S. 98.
262 RGVA, F. 32910, op. 1, d. 42, S. 263–266, Bericht des stv. Kommandanten des 25. Grenzregiments,
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918