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III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
Funktion228
entsprechend den entstehenden Anforderungen vergrößern oder verkleinern
zu können.“298
Am 25. April 1945 erhielten die stellvertretenden Volkskommissare für
auswärtige Angelegenheiten Vyšinskij und Dekanozov einen neuerlichen
Vorschlag für die Verordnung des Rates der Volkskommissare über die Bil-
dung der SČSK, diesmal von Evgenij D. Kiselev und Ivan M. Lavrov, dem
Adjutanten der 3. Europäischen Abteilung und späteren Leiter der militäri-
schen Abteilung der SČSK. Kiselev und Lavrov hatten Tolbuchins Konzept
als Grundlage herangezogen und dabei die Änderungswünsche von Deka-
nozov und Andrej A. Smirnov, dem Leiter der 3. Europäischen Abteilung,
berücksichtigt.299
Die Entwürfe fanden jedoch keine volle Zustimmung. Am 11. Mai legten
Lavrov und der erste Referent der 3. Europäischen Abteilung, G. Poljakov, eine
überarbeitete Version vor. Auf Anweisung Vyšinskijs und Dekanozovs hatten
Tolbuchin, Želtov und Koptelov den geplanten Personalstand von ursprüng-
lich 579 Mitarbeitern auf 325 Personen verkleinert.300 Als Militärkommissar sah
dieser Entwurf Tolbuchin vor, als Politberater Koptelov, wobei Dekanozov
handschriftlich anstelle von Koptelov am Rand des Dokuments „Šepilov? […]
Vielleicht Kiselev?“ vermerkte. Koptelov sah er hingegen statt Lun’kov als stell-
vertretenden Politberater vor. Dekanozov notierte noch am selben Tag: „Genos-
se Lavrov! Holen Sie bei Genossen Vyšinskij so schnell wie möglich eine Erkun-
digung bezüglich des Themas ein, anderenfalls verlieren wir Zeit!“301
Die personelle Zusammensetzung war offensichtlich nicht nur besonders
heikel, sondern entwickelte sich auch zu einem machtpolitischen Kräftemes-
sen. Lavrov holte im Auftrag Dekanozovs entsprechende Meinungen beim
Leiter der Gegenspionage „Smerš“, Viktor S. Abakumov, ein.302 Dekanozov
selbst ersuchte den stellvertretenden Volkskommissar für Verteidigung,
Nikolaj A. Bulganin, und den Leiter der Kaderhauptverwaltung des NKO, Fi-
lipp I. Golikov, um ihre Stellungnahme bezüglich des stellvertretenden sow-
298 AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S. 7–17, Entwurf des Personalstandes der SČSK, [21.4.1945].
299 AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S. 18, Begleitbrief von Kiselev und Lavrov an Vyšinskij und
Dekanozov zur Übersendung des Entwurfes der Verordnung des Rates der Volkskommissare über
die Bildung der SČSK, 25.4.1945.
300 Zu den Verkleinerungen des Personalstandes im Detail vgl. AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S.
45–51, Telegramm von Tolbuchin und Želtov an Vyšinskij bezüglich der Verkleinerung des Perso-
nalstandes, 6.5.1945.
301 AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S. 19f., Schreiben von Lavrov und Poljakov an Vyšinskij und
Dekanozov zum Entwurf einer Verordnung des Rates der Volkskommissare über die Bildung der
SČSK mit beiliegendem Verordnungsentwurf, 11.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx –
Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 60.
302 AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S. 22, Begleitbrief von Lavrov an Abakumov zur Übersendung
des Entwurfes über den Personalstand der SČSK, 21.5.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918