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III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
Funktion230
Mitte Juni drängte Vyšinskij den stellvertretenden Volkskommissar für
Verteidigung Bulganin, er möge seine Meinung bezüglich der vorgeschlage-
nen Kandidaten kundtun. Neben dem Militärkommissar müsse nun endlich
eine Entscheidung bezüglich des stellvertretenden Militärkommissars, des
stellvertretenden Mitglieds des Exekutivkomitees und des Stabschefs fallen.
Schließlich sei dem Rat der Volkskommissare der Beschlussentwurf vorzu-
legen, außerdem stünde der Abzug der Truppen der 3. Ukrainischen Front
unmittelbar bevor.309
Als eine Woche später Bulganin noch immer keine entsprechende Ent-
scheidung getroffen hatte, ersuchte Kiselev am 23. Juni Vyšinskij, er möge
Bulganin zur „Beschleunigung“ persönlich anrufen. Zwar standen nun, wie
er aus den militärischen Kreisen gehört hatte, als Hochkommissar Marschall
Konev und als Stabsleiter Generalleutnant Morozov fest, doch war die Beset-
zung des Postens des stellvertretenden Hochkommissars nach wie vor offen.
Kiselev empfahl für diesen Posten Želtov, der „mit der politischen Lage in
Österreich gut vertraut“ sei. Bulganin und Konev hätten seine Kandidatur
besprochen, ohne dabei allerdings zu einer Entscheidung gekommen zu sein.
Eine Unterstützung Želtovs durch Vyšinskij, so Kiselev abschließend, würde
„die Frage nicht nur verkürzen, sondern auch entscheiden“.310
Wie aus diesem Schreiben ersichtlich ist, übte der NKID im militärpoli-
tischen Bereich einen nicht unwesentlichen Einfluss aus, wenngleich Želtov
– im Gegensatz zu Kiselev – als Politoffizier und potenzieller stellvertreten-
der Militärkommissar dem NKO unterstand. Offensichtlich hatte Kiselevs
Intervention Erfolg: Bulganin bestätigte Želtov in der Position des Stellver-
treters des Militärkommissars, Mitglieds des Exekutivkomitees der Alliier-
ten Kommission für Österreich sowie Mitglieds des Militärrates der CGV.
Er sollte diese zentrale Funktion bis Juli 1950 ausüben. Somit war die letzte
offene personelle Frage geklärt. Kiselev selbst, der das Vertrauen Vyšinskijs
genoss, konnte seine Position festigen. Er blieb bis 1948 Politischer Berater des
sowjetischen Hochkommissars und wurde außerdem 1946 zum politischen
Vertreter der UdSSR bei der österreichischen Regierung ernannt. Diese Dop-
pelfunktion zeugt davon, dass ihn das MID als den am besten geeigneten Po-
litiker und Diplomaten erachtete. Obwohl sich Kiselev persönlich für Želtov
eingesetzt hatte, sollte es in den folgenden Jahren zu administrativen Intrigen
und zu persönlichen Animositäten zwischen den beiden kommen. Die Ursa-
309 AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S. 38, Schreiben von Vyšinskij an Bulganin bezüglich des Füh-
rungskaders der SČSK, 15.6.1945.
310 AVP RF, F. 066, op. 25, p. 119, d. 15, S. 41, Schreiben von Kiselev an Vyšinskij über die Frage der
militärischen Führung der SČSK, 23.6.1945. Vgl. Knoll – Stelzl-Marx, Der Sowjetische Teil der Alli-
ierten Kommission, S. 189; Wagner, Die Besatzungszeit aus sowjetischer Sicht, S. 72f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918