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5. Die Verwaltungsebene: Der Sowjetische Teil der Alliierten Kommission 255
5.6 Der Apparat des Hochkommissars 1953–1955
Bald nach Stalins Tod veranlasste Ministerpräsident Georgij M. Malenkov
mehrere – in Österreich lang ersehnte – Erleichterungen des Besatzungsre-
gimes, die gezielt zur Verbesserung der österreichisch-sowjetischen Bezie-
hungen beitragen sollten: Am 8. Juni 1953 gaben die Sowjets die Aufhebung
der Kontrolle entlang der sowjetischen Zonengrenze bekannt (die Westmäch-
te hatten ihre gegenseitige Zonenkontrolle bereits 1947 eingestellt), tags da-
rauf schlugen sie vor, die diplomatischen Vertretungen in Moskau und Wien
in den Rang von Botschaften zu erheben,410 ab 1. August übernahm die Sow-
jetunion ihre Besatzungskosten,411 und Hochkommissar Il’ičev stimmte am
14. August 1953 einem Antrag der westlichen Hochkommissare zu, die Post-,
Telegrafen- und Rundfunkzensur aufzuheben.412 Außerdem kam Moskau im
Mai 1953 dem Wunsch der österreichischen Regierung nach, ihr die Aktiva
des Wasserkraftwerkes und ehemaligen „Deutschen Eigentums“ Ybbs-Per-
senbeug zu verkaufen.413 Der entsprechende Vertrag zwischen der USIA und
dem Bundesministerium für Verkehr und verstaatlichte Betriebe Österreichs
wurde am 17. Juli 1953 abgeschlossen.414
Diese Erleichterungen des Besatzungsregimes erfolgten im Rahmen jener
Maßnahmen, die die sowjetische Regierung im Frühling und Sommer 1953
zur „Entspannung der internationalen Lage“ traf.415 Zufrieden stellte man
fest, dass die sowjetischen Maßnahmen zur „Normalisierung der sowjetisch-
österreichischen Beziehungen“ bei der Bevölkerung „wohlwollend“ aufge-
nommen worden seien und zugleich eine „bemerkbare Beunruhigung unter
den Westmächten“ hervorgerufen hätten.416
410 Rauchensteiner, Der Sonderfall, S. 316.
411 Die Briten und Franzosen verzichteten hingegen auch weiterhin nicht auf ihre Anteile an den Besat-
zungskosten. Vgl. Rauchensteiner, Der Sonderfall, S. 316.
412 RGANI, F. 3, op. 8, d. 43, S. 4–6, Beschluss des Präsidiums des ZK der KPdSU, Über Weisungen
an Il’ičev bezüglich Besatzungserleichterungen, 10.8.1953. Trotz der Aufhebung der Kontrolle der
österreichischen Bevölkerung und von Gütertransporten an der Demarkationslinie blieb das Recht
der Besatzungsbehörden in Kraft, militärische Transporte an der Zonengrenze zu kontrollieren.
Vgl. Rauchensteiner, Der Sonderfall, S. 317.
413 Prozumenščikov, Nach Stalins Tod, S. 744. Noch ein Jahr zuvor hatte die sowjetische Seite eine
Übergabe des Wasserkraftwerkes an die österreichische Regierung abgelehnt. Vgl. RGASPI, F. 82,
op. 2, d. 1117, S. 116–118, Schreiben von Vyšinskij und Sergeev an Molotov bezüglich des Wasser-
kraftwerkes Ybbs-Persenbeug [29.3.1952].
414 Hubert Steiner, Die USIA-Betriebe. Ihre Gründung, Organisation und Rückgabe in die österreichi-
sche Hoheitsverwaltung, in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43 (1993), S. 206–220.
415 AVP RF, F. 06, op. 14, p. 10, d. 119, S. 5–20, hier: S. 4, Bericht von V. Semenov an V. Molotov über die
sowjetisch-österreichischen Beziehungen 1950–1954, [29.1.1955].
416 AVP RF, F. 066, op. 34, p. 177, d. 20, S. 2–14, Bericht von A. Timošenko über „Die Reaktion der West-
mächte auf die sowjetischen Maßnahmen zur Normalisierung der Beziehungen mit Österreich“,
Juni–September 1953, [Oktober 1953].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918