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III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
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die demontierten Güter jedoch wochenlang nicht abzutransportieren und
dadurch irreparable Schäden zu riskieren, trug noch zusätzlich zur Verbitte-
rung der österreichischen Bevölkerung bei.447
In der zweiten Phase verschob sich der Akzent vom Beutedenken auf die
Ausnützung der laufenden Produktion. Parallel zu den Demontageaktionen
begann die sowjetische Besatzungsmacht mit der Errichtung eines exterri-
torialen Wirtschaftskörpers. Als Rechtsgrundlage dienten das – allerdings
in Österreich offiziell nie anerkannte – Potsdamer Abkommen vom August
1945 und der auf den 27. Juni 1946, dem Tag vor der Verabschiedung des
Zweiten Kontrollabkommens, rückdatierte Befehl Nr. 17 von Hochkommis-
sar Vladimir Kurasov. Folgende Säulen bildeten schließlich das sowjetische
Wirtschaftsimperium in Österreich:448
- Die Sowjetische Mineralölverwaltung (SMV), die im Oktober 1945 nach
dem Scheitern der Verhandlungen über eine sowjetisch-österreichische
Erdölverwaltung („SANAPHTA“) gegründet wurde. Den Vertrieb ihrer
Produkte übernahm die OROP, später ÖROP („Österreichisch-russische
Ölprodukte“ bzw. „AG für Erdölprodukte österreichischer und russi-
scher Provenienz“), die allerdings eine Aktiengesellschaft österreichischen
Rechts war. Die Erdölfelder der SMV lagen ausschließlich in Niederöster-
reich.449
- Die Verwaltung des Sowjetischen Vermögens in Österreich („Uprav-
lenie Sovetskim Imuščestvom v Avstrii, kurz „USIA“, ursprünglich
„USIVA“).450 Sie übernahm die Verwaltung sämtlicher in der sowjetischen
Zone gelegenen Einrichtungen, die nach sowjetischer Definition als „Deut-
sches Eigentum“451 zu betrachten waren.452 Die österreichische Regierung
447 Aichinger, Die Sowjetunion und Österreich, S. 277f.
448 Otto Klambauer, Ein Überblick über Entwicklung und Organisation des USIA-Konzernes, in: Hel-
muth Feigl – Andreas Kusternig (Hg.), Die USIA-Betriebe in Niederösterreich. Geschichte, Orga-
nisation, Dokumentation. Studien und Forschungen aus dem Niederösterreichischen Institut für
Landeskunde. Bd. 5. Wien 1983, S. 1–79, hier: S. 4–27.
449 Am BIK wurde 2006–2007 unter der Leitung von Stefan Karner eine wissenschaftliche Studie zur
Geschichte der SMV durchgeführt. Vgl. dazu Iber, Die Sowjetische Mineralölverwaltung in Öster-
reich; Walter Martin Iber, Die Sowjetische Mineralölverwaltung (SMV) in Österreich 1945–1955. So-
wjetische Besatzungswirtschaft und der Kampf ums Öl als Vorgeschichte der OMV. Phil. Diss. Graz
2008; Walter M. Iber, Erdöl statt Reparationen. Die sowjetische Mineralölverwaltung in Österreich
1945–1955, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 2009/4, S. 571–605.
450 Analoge Organisationen gab es auch in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Ostdeutschland, Finn-
land, Bulgarien und in Rumänien. Vgl. Stiefel, Coca-Cola kam nicht über die Enns, S. 119.
451 Das Wort „Deutsch“ wird in diesem Zusammenhang großgeschrieben, um hervorzuheben, dass
es sich um jenes Vermögen handelte, das die Alliierten auf der Basis des Potsdamer Abkommens
beanspruchten, und nicht um deutsche Vermögenswerte schlechthin. Vgl. Seidel, Österreichs Wirt-
schaft und Wirtschaftspolitik, S. 346.
452 Zur Definition des „Deutschen Eigentums“ vgl. Brunner, Das Deutsche Eigentum, S. 3–6.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918