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I. IDEOLOGIE, DISZIPLIN, STRAFVERFOLGUNG
Sowjetmenschen außerhalb der Grenzen der UdSSR konfrontierten den Sow-
jetkommunismus mit einem grundsätzlichen Problem: Ihre unmittelbaren Er-
fahrungen mit dem Kapitalismus bargen die Gefahr „politisch-ideologischer
Diversion“ in sich. Schließlich zielten die „Imperialisten“, so die kommunisti-
sche Sicht, darauf ab, ihre „bürgerliche Ideologie“ in die sozialistischen Län-
der einzuschleusen, dort „fremde und feindliche Lebens- und Verhaltenswei-
sen“ zu verbreiten und so die Grundlagen der Gesellschaft zu unterminieren
und die sozialistische Ordnung „sturmreif“ zu machen.
Kontakte zum Westen waren bei der sowjetischen Führung aber auch aus
einem weiteren Grund unerwünscht. Man befürchtete insgeheim, beim Ver-
gleich der unterschiedlichen Systeme auf der Lebensebene unvorteilhaft ab-
zuschneiden. Konnte dank gesteuerter Information und Propaganda die Illu-
sion der höchsten Gesellschaftsordnung im Inland aufrechterhalten werden,
so war dies außerhalb des direkten Einflussbereiches nicht mehr möglich. Im
Gegenteil: Hier drohte der „homo sovieticus“, ein Opfer der „psychologi-
schen Kriegsführung des Imperialismus gegen den Sozialismus“ zu werden.
Hetze, Fälschung, Rufmord, Terror, Einschüchterung, Diversion, Spionage,
Sabotage und Korruption galten dabei als Methoden der „parasitären Ord-
nung des Kapitalismus“.1 Sowjetische Personen, die während des Zweiten
Weltkrieges unter deutsche Besatzung oder in Kriegsgefangenschaft geraten
oder zur Zwangsarbeit ins „Dritte Reich“ verschleppt worden waren, beob-
achtete man daher mehr als argwöhnisch. Der – meist unfreiwillige – Kon-
takt mit dem Feind hatte sie zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. „Filtration“
durch den Geheimdienst und Repressionen bis zum Zerfall der UdSSR waren
die Folge.
Durch den „Großen Vaterländischen Krieg“ blickte jedoch noch eine wei-
tere Kategorie von Sowjetmenschen über den kommunistischen Tellerrand
hinaus: die Soldaten. Die Tatsache, dass sich ab 1944 durch den Vormarsch
der Roten Armee Hunderttausende sowjetische Militärangehörige außer-
halb des Territoriums der UdSSR befanden und mit westlicher Kultur und
Ideologie in Kontakt kamen, beunruhigte den Kreml. Bereits vor Kriegsende
wurde deshalb die erzieherische Arbeit unter den Militärangehörigen seitens
des umfangreichen politischen Apparates der Streitkräfte, einer sowjetischen
Besonderheit, verstärkt. Im Vordergrund standen die Erziehung der Soldaten
1 Waltraud Böhm et al. (Hg.), Kleines politisches Wörterbuch. 3., überarbeitete Aufl. Berlin 1978, S.
360f., 732f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918