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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung312
ten“ hatte sich zu einer der dominantesten Stimmungen in den Truppen
entwickelt, zumal dies die Kriegspropaganda jahrelang gefördert hatte. Zu-
dem hatte der eindringlich eingepeitschte Verhaltenskodex zwangsläufig die
Persönlichkeit der Soldaten deformiert. Ihr „politisch-moralischer Zustand“
war unter dem Einfluss des Feindbildes zur Zügellosigkeit einer Soldateska
verkommen, wurde aber von den politischen Organen im besten Fall als „er-
ziehungsbedürftig“ eingestuft.
Mit Gewaltakten gegenüber der Zivilbevölkerung des „Feindes“ nahmen
die Soldaten nun oft bewusst Rache für erlittene Gewalt und Erniedrigung,
aber auch für den Verlust einer ganzen Lebensperspektive. Selbstjustiz wi-
dersprach zwar der offiziellen sowjetischen Politik, wurde aber häufig geübt.
Es bedurfte gezielter Einflussnahme und Bestrafung, um den Durst nach Ra-
che zu „kanalisieren“. Trotz der Korrektur in der Propaganda waren Exzes-
se insbesondere in der ersten Zeit an der Tagesordnung. Doch konnten die
Befehle der Truppenführung die elementare Zerstörungswut, das Verlangen
nach Beute und die Brutalisierung des Krieges nicht aufhalten. Die Truppen
entglitten zusehends jeder Kontrolle.13 Mit Kriegsende machte sich außerdem
unter einzelnen Militärangehörigen eine Müdigkeit breit, Krankheiten traten
ebenso auf wie „Urlaubslaunen“, Unsicherheit griff um sich, und zugleich
nahmen Wachsamkeit, Kontrolle und Strenge ab. Mit einem Wort, die Diszi-
plin lag im Argen.14
Dies stellte die militärische Führung vor ein akutes Dilemma. Österreich
galt als befreites Land, und unmittelbare Racheakte gegen die Bevölkerung
waren ausdrücklich verboten. Der Aufruf des Militärrates an die Truppen der
3. Ukrainischen Front vom 4. April 1945 betonte, die Rote Armee habe nach
der Befreiung Österreichs zwar gegen die „deutschen Okkupanten“, nicht
aber gegen die Bevölkerung Österreichs zu kämpfen. Sowohl die Österreicher
als auch ihr Hab und Gut waren daher zu achten.15 Marschall Ivan Konev,
der Anfang Juli 1945 das Kommando über die sowjetische Besatzungszone
13 Semirjaga, Die Rote Armee in Deutschland, S. 204f.; Poljakov, Istoki narodnogo podviga, S. 18; Sen-
javskaja, Deutschland und die Deutschen, S. 259–263; Gorjajewa, „Wenn morgen Krieg ist …“, S.
457.
14 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 329–339, hier: S. 334, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters der Politabteilung, Major Čurkin, über
den militärischen Einsatz, den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin der
Truppen von November 1944 bis August 1945, 23.8.1945.
15 Aufruf des Militärrates an die Truppen der 3. Ukrainischen Front, 4.4.1945. Abgedruckt in: Karner
– Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 9. Original abgedruckt in:
Zemskov, SSSR – Avstrija, S. 16f. Der Militärrat der 2. Ukrainischen Front richtete sich gleichfalls
am 4. April 1945 mit einem analogen Befehl an die Truppen der 2. Ukrainischen Front. Vgl. dazu:
Institut Voennoj Istorii, Krasnaja Armija v stranach Central’noj Evropy, S. 617.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918