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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 313
in Österreich übernommen hatte, versicherte Staatskanzler Karl Renner bei
einem wenige Tage später stattfindenden Gespräch, dass die Sowjets „weit
von einer Rachepolitik entfernt“ seien und „zu jedem einzelnen Fall (Gewalt,
Beschlagnahme) […] entschlossene Maßnahmen zu dessen Unterbindung er-
griffen“ hätten.16
Trotz dieser Vorgaben wussten Vertreter der sowjetischen Besatzungs-
macht selbst nur allzu gut, dass zwar Befehle vorhanden waren, „doch wer-
den diese nicht immer so umgesetzt, wie es die Politik gegenüber der ös-
terreichischen Bevölkerung erfordern würde“.17 Der politische Berater der
SČSK, Evgenij Kiselev, berichtete in diesem Zusammenhang zuversichtlich
dem Stellvertreter des Volkskommissars für auswärtige Angelegenheiten,
Vladimir Dekanozov, Mitte August 1945: „Ich bin der Meinung, dass die nun
beschlossenen und umzusetzenden Maßnahmen – Verstärkung der politi-
schen Arbeit bei den Truppen, Abhaltung einer Reihe von Beratungen mit
den Einheitskommandanten und Befehlshabern – zu einer wesentlichen Bes-
serung der Lage beitragen werden.“18
Das Verhalten, das Armeeangehörige an den Tag legten, entsprach teil-
weise keineswegs dem offiziellen Bild des „ruhmreichen Befreiers“. Es stand
in einem krassen Gegensatz zum Motto „Für die Ehre der Heimat“ („Za čest’
Rodiny“), wie die für die Zentrale Gruppe der Streitkräfte publizierte Ar-
meezeitung hieß. Auf den diversen Ebenen mussten dringend Maßnahmen
ergriffen werden. Eine der vordringlichen Aufgaben bestand darin, die diver-
sen Verlockungen des Kapitalismus in den Griff zu bekommen.
1.1 Kapitalismus und Kulturschock
Bereits Anfang Juli 1945 beobachtete die Politische Abteilung der 3. Ukrai-
nischen Front, dass „einzelne moralisch instabile Soldaten“ nach ihrer De-
mobilisierung dauerhaft in Österreich und Ungarn verbleiben wollten. Sie
lobten nicht nur „die Ordnung und Lebensbedingungen in den kapitalisti-
schen Ländern Europas“ und verleumdeten die Sowjetunion, sondern einige
sowjetische Offiziere hatten auch Verhältnisse mit österreichischen Frauen.
16 CAMO, F. 275, op. 353761, d. 1, S. 856–866, Unterredung des Oberbefehlshabers der CGV, Konev,
mit Staatskanzler Renner über die Lage in Österreich, 9.7.1945. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx
– Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 44.
17 AVP RF, F. 06, op. 7, p. 26, d. 322, S. 19, Schreiben des Politberaters der Alliierten Kommission für
Österreich, Kiselev, an den stv. Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten der UdSSR, De-
kanozov, bezüglich des einen Berichts über die politische Stimmung in Wien und der sowjetischen
Besatzungszone, 17.9.1945. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in
Österreich, Dok. Nr. 67.
18 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918