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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 323
tiviertesten, edelsten Armee der Welt, der Armee der Befreiung ist. Die Welt
kannte noch keine Armee wie unsere Sowjetische Armee.“46 Diesem hohen,
in „Za čest’ Rodiny“ propagierten Anspruch wurden jedoch die in Österreich
stationierten sowjetischen Besatzungstruppen, an die diese Worte gerichtet
waren, häufig nicht gerecht. Nicht nur österreichische, sondern auch sow-
jetische zeitgenössische Dokumente sprechen von „zahlreichen Fällen von
Undiszipliniertheit und Rechtsübertretungen seitens sowjetischer Solda-
ten“, wobei als Grundübel schlechte Kontrolle der Kommandanturen über
ihre Mannschaften, Missstände im Mannschaftsstamm der Kommandantu-
ren selbst sowie organisatorische Schwächen des militärisch-juridischen und
administrativen Apparates galten. Eine wesentliche Rolle spielte dabei „die
mangelhaft durchgeführte politisch-erzieherische Arbeit“.47
1.2.1 Die politische Tragweite von Vergehen
Allein aus politisch-ideologischer Sicht war Disziplinlosigkeit sowjetischer
Armeeangehöriger – besonders im Ausland – schwer tolerierbar: „Wer gegen
die militärische Disziplin verstößt, der verübt das schwerste Verbrechen an
der Heimat, am Volk“, ermahnte man die Soldaten.48 Der „homo sovieticus“
sollte dem Image der UdSSR im Westen nicht schaden. Diszipliniertheit galt
als „sittliche Qualität der sozialistischen Persönlichkeit“, die erst den „ho-
hen Grad von Bewusstsein und Organisiertheit“ ermöglichte, „der für den
allmählichen Übergang zum Kommunismus notwendig“ war.49 Selten ka-
men derartige Überlegungen so explizit zum Ausdruck wie in der folgenden
Passage aus der CGV-Zeitung: „Jedes, sogar ein auf den ersten Blick noch so
unbedeutendes Vergehen, das ein sowjetischer Militärangehöriger unter den
Bedingungen des Einsatzes unserer Truppen im Ausland begeht, erlangt po-
litischen Charakter, schadet den Staatsinteressen der Sowjetunion, bringt un-
sere Armee, das Land in den Augen der einheimischen Bevölkerung in Miss-
kredit und spielt somit dem Feind in die Hände.“50 Die Disziplin hatte sich in
allem zu äußern: darin, wie der einzelne Soldat die Befehle seiner Vorgesetz-
ten erfüllte, wie er salutierte, wie er gekleidet war und wie er sich verhielt.51
46 Materialy k političeskim zanjatijam, in: Za čest’ Rodiny.
47 RGASPI, F. 17, op. 128, d. 117, S. 199–201, hier: S. 199, Bericht von G. N. Moločkovskij an die Abtei-
lung für Propaganda und Agitation des ZK der VKP(b) über die Disziplin der sowjetischen Trup-
pen in Österreich [spätestens am 11.12.1946]. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan,
Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 127.
48 Materialy k političeskim zanjatijam, in: Za čest’ Rodiny.
49 Böhm et al., Kleines politisches Wörterbuch, S. 184.
50 Materialy k političeskim zanjatijam, in: Za čest‘ Rodiny.
51 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918