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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 325
Wie ernst die Lage war, verdeutlicht ein weiterer, nur wenige Tage später
erlassener Befehl. Demnach hatten die Vorgesetzten die volle Verantwortung
für „sämtliche Fälle von Sabotage und Rowdytums“ in ihren Einheiten zu
tragen. Zugleich mussten sie Sorge tragen, dass die „erzieherische Arbeit“
forciert werden würde.56 Anfang April 1945 schworen die Militärräte der 2.
und 3. Ukrainischen Front die Soldaten auf ein anständiges Verhalten gegen-
über den Österreichern ein und verlangten eine ständige Gratwanderung
zwischen Rache und Schonung: „Während ihr erbarmungslos mit den deut-
schen Unterjochern abrechnet – verschont dabei das friedliche österreichische
Volk. Achtet die Lebensweise, die Familie, das Eigentum. Die ganze Welt soll
nicht nur die alles besiegende Stärke der Roten Armee sehen, sondern auch
den hohen Grad an Disziplin und Kultur der Soldaten.“57
1.2.2 Überprüfung der Kader
Ein Versuch, „den politisch-moralischen Zustand und die militärische Diszi-
plin“ in den eigenen Reihen zu verbessern, bestand in der Überwachung und
Überprüfung der Kader, was vor allem in den Aufgabenbereich des NKVD
und der „Smerš“ fiel. Doch auch die Partei- und Komsomolorganisationen
kamen zum Einsatz. „Feindliche“ und „politisch zweifelhafte“ Personen wa-
ren zu „isolieren“.58 Die Mitarbeiter der Politabteilung, die Offiziere sowie
die Partei- und Komsomolorgane wurden eigens darin unterwiesen, wie sie
ihrerseits den Personalstand zu überprüfen und politisch zu schulen hatten.
Dafür legten die Kommandeure der Unterabteilungen Hefte mit Aufzeich-
nungen über die jeweilige soziale Herkunft ihrer Untergebenen an. Besonders
interessierte man sich für Parteimitglieder und für jene Personen, die auf von
Kudrjavcev, über die Ahndung von Vergehen von Angehörigen der Roten Armee, 8.3.1945. Ab-
gedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 117. Der
Befehl bezog sich auf die Weisung des Chefs der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der
2. Ukrainischen Front.
56 RGVA, F. 32917, op. 1, d. 7, S. 116, Befehl Nr. 0550 des Kommandanten des 335. NKVD-Grenzregi-
ments, Oberstleutnant Zacharčuk, und des provisorischen Stabschefs des Regiments, Hauptmann
Kudrjavcev, über die Ahndung von Diversion und Sabotage, 12.3.1945.
57 Aufruf des Militärrates an die Truppen der 3. Ukrainischen Front, 4.4.1945. Abgedruckt in: Karner
– Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 9. Original abgedruckt in: I. N.
Zemskov et al. (Hg.), SSSR – Avstrija 1938–1979gg. Dokumenty i materialy. Moskau 1980, S. 16f. Der
Militärrat der 2. Ukrainischen Front richtete sich gleichfalls am 4. April 1945 mit einem analogen Be-
fehl an die Truppen der 2. Ukrainischen Front. Vgl. dazu: Institut Voennoj Istorii, Krasnaja Armija v
stranach Central’noj Evropy, S. 617.
58 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 41, Bericht des Kommandeurs des 24. NKVD-Grenzregiments,
Oberstleutnant Kapustin, und des Leiters der Politabteilung, Major Gordeev, an den Chef der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 2. Ukrainischen Front, Generalmajor Kuznecov,
über die Überprüfung des Personalstandes, 1.3.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918