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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 329
Entsprechende Charakterisierungen wurden auch über das Personal der
SČSK angelegt. Neben dem Namen, der Parteizugehörigkeit, Ausbildung
und Tätigkeit von 1941 bis 1948 umfassten derartige Listen zudem eine Ein-
schätzung der Haltung der betroffenen Personen gegenüber ihrem Dienst
und der Politik. Zu Hauptmann Boris Patyk, einem Referenten der Infor-
mationsabteilung, hieß es etwa: „Mit der übertragenen Arbeit kommt er gut
zurecht. Konnte eine systematische Vortragstätigkeit über die UdSSR bei Ju-
gendorganisationen durchführen. Im Kontakt mit der Bevölkerung taktisch.
Kooperiert aktiv mit der Zeitung ‚Za čest‘ Rodiny‘, der Partei und Heimat
ergeben. […] Im Leben bescheiden. Entspricht der übertragenen Aufgabe.“70
Wiederholt findet sich auch leise Kritik an einzelnen Mitarbeitern, so etwa am
Übersetzer und Referenten Leutnant Aleksej Ivanov: „Zu seinen Schwächen
gehört eine gewisse Überschätzung seiner Fähigkeiten, was bei der Arbeit
und dem richtigen Verständnis der übertragenen Aufgaben stört.“71
Innerhalb der Armee wurden zudem sogenannte Ehrengerichte („tovar-
iščeskij sud“) forciert, welche die Mitarbeiter der Politabteilung zur Stärkung
der militärischen Disziplin einsetzten.72 Unter den Offizieren, Sergeanten
bzw. Mannschaftssoldaten erfreuten sich diese, wenig überraschend, aller-
dings nur geringer Beliebtheit.73 Auch öffentliche Kritik und Selbstkritik,
etwa im Rahmen von regimentsweiten Offiziersversammlungen, kamen
zur Anwendung. Beispielsweise kritisierten zwölf Personen mehrere Offi-
ziere wegen ihrer Beziehungen zu österreichischen Frauen und Trunksucht.
Dies, so die allgemeine Stimmung bei der Versammlung, „bringt die Ehre
des sowjetischen Offiziers in Misskredit“. Wie am Ende derartiger Darstel-
lungen üblich, erfolgte auch hier als „positiver Abschluss“ ein Bericht über
die ergriffenen Maßnahmen, welche die Disziplin stärken sowie die Qualität
des Dienstes, die Wachsamkeit, das ideologische Niveau, die Kultur und das
Taktgefühl der Offiziere steigern sollten.74 Ob sich das Verhalten der betrof-
70 RGASPI, F. 17, op. 127, d. 1720, S. 85–106, hier: S. 93, Bericht des Leiters der Kaderabteilung der
SČSK, Major Golovač, über die Mitarbeiter der Informationsabteilung der SČSK, [April 1948].
71 Ebd., S. 90.
72 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 156, S. 13–28, hier: S. 28, Bericht des Kommandeurs des 37. Grenzregi-
ments, Oberst Jaroslavskij, und des Leiters der Politabteilung, Major Sudakov, an den Leiter der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, über den poli-
tisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin im 37. Grenzregiment im 1. Quartal 1946,
31.3.1946.
73 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 121, Bericht des Kommandeurs des 40. Schützen-
regiments, Oberstleutnant Chorošev, und des stv. Leiters der Politabteilung, Hauptmann Čuchin,
an den Leiter der Politabteilung der 66. NKVD-Schützendivision, Oberst Tamrasov, über den po-
litisch-moralischen Zustand, die militärische Disziplin und parteipolitische Arbeit im 3. Quartal
1945, 23.9.1945.
74 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 28, S. 245–263, hier: S. 250, Bericht des Kommandeurs des 17. NKVD-
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918