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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung338
erweisen sich für die Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere als idealer Ort zur
Freizeitgestaltung.“97
Öffentlich zelebriert und propagandistisch verwertet wurden etwa die
zahllosen Kranzniederlegungen und Ehrenformationen an den Gräbern ös-
terreichischer Komponisten, die nicht nur die Hochachtung gegenüber der
österreichischen Musik und Kultur unterstreichen, sondern auch Vorurteile
gegenüber der „sowjetischen Barbarei“ entkräften sollten.98 Trotz dieser Maß-
nahmen wurden Armeeangehörige de facto allzu oft sich selbst überlassen.
Die politischen Schulungen und kulturellen Angebote griffen häufig nicht,
weswegen gerade unter den Mannschaftssoldaten und Unteroffizieren diszi-
plinäre Probleme auftraten.99
Wie so oft klafften aber auch in diesem Bereich die Befehle bzw. Berichte
der Politabteilungen und die Realität auseinander. Im sowjetischen System
der gegenseitigen Überwachung und Denunziation sickerten über verschie-
dene Wege entsprechende Informationen durch. So beschwerte sich die Po-
litabteilung des 17. NKVD-Grenzregiments über „ernste Mängel in der Lite-
ratur über die politische Weltlage, die Partei sowie bei Hilfsmaterialien zum
Studium des ‚Kurzen Lehrgangs der Geschichte der VKP(b)‘“. Bereits seit
einem Monat habe das Regiment weder Partei- noch Militärzeitungen und
auch keine Kinofilme erhalten. Seit geraumer Zeit träfen keine Briefe mehr
ein. Diese Probleme seien dringend zu lösen, so das Resümee.100
Teilweise drangen derartige Fragen bis in höchste politische Kreise in
Moskau vor. So erhielt etwa ZK-Sekretär Georgij Malenkov einen internen
Bericht von N. Michailov, dem Sekretär der Kommunistischen Jugendorga-
nisation der UdSSR (ZK VLKSM), über die politische Arbeit in den Truppen
in Österreich: Vor Kurzem sei der zweifache Held der Sowjetunion D. Glinka
97 CAMO, F. 821, op. 1, d. 467, S. 195–199, Politbericht des Leiters des 6. Garde-Schützenkorps, Garde-
Oberst Gruzdov, an den Leiter der Politabteilung der 57. Armee, Generalmajor Cinev, über den
politisch-moralischen Zustand des Mannschaftsstandes, dessen Lebensbedingungen und die par-
teipolitische Arbeit, 21.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark,
Dok. Nr. 66.
98 Klein, Die Russen in Wien, S. 173–176.
99 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 25–41, hier: S. 33, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung,
Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Inneren Truppen des NKVD, Generalleutnant Sladkevič, über
den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin in den NKVD-Truppen im 4.
Quartal 1945, 10.1.1946.
100 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 28, S. 245–263, hier: S. 262, Bericht des Kommandeurs des 17. NKVD-
Grenzregiments, Oberst Pavlov, und des Leiters der Politabteilung, Major Rožkov, an den Chef der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov,
über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin
im Regiment von April bis Juli 1945, 31.7.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918