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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 343
derer immer auch sie. Gleiches traf auch auf die Kommandeure und deren
Stellvertreter in den einzelnen Einheiten zu: Bei „außergewöhnlichen Vorfäl-
len“ in ihrem Zuständigkeitsbereich wurden sie ebenfalls zur Verantwortung
gezogen, was bis zur Übergabe an das Gericht von Militärtribunalen reichen
konnte.112 Eine Berichterstattung, die womöglich ein schlechtes Licht auf ihre
Führungsrolle warf, lag sicherlich nicht in ihrem Interesse.
Auch für die Leiter und Mitarbeiter des umfangreichen Politapparates der
Armee sowie der Truppen des NKVD/MVD fanden regelmäßig Schulungen
statt. Schließlich lag es in ihrer Hand, die Einheiten entsprechend zu unter-
richten. So versammelten sich etwa im September 1945 auf Befehl des Mit-
glieds des Militärrates der CGV, Generalleutnant Krajnjukov, und des Leiters
der Politverwaltung der CGV, Generalmajor Jašečkin, alle Leiter von Politor-
ganen in der sowjetischen Besatzungszone. Bei dem in Baden organisierten
Treffen diskutierte man Mängel und Verbesserungschancen der Erziehung
des Offiziersstandes der Zentralen Gruppe der Streitkräfte.113 Doch die Po-
litoffiziere gingen selbst nicht immer mit bestem Beispiel voran. Just einen
Politoffizier der NKVD-Truppen, einen gewissen Hauptmann Mel’ničuk,
überführte man gleich mehrerer Formen „amoralischer Erscheinungen“:
Trunksucht, Randalieren und Kontakt zu Prostituierten. Er wurde seines Am-
tes enthoben und aus der Armee entlassen.114 Ähnliche Probleme kamen auch
bei Partei- und Komsomolorganisationen zum Vorschein.
1.4 Partei und Komsomol
„Der politisch-moralische Zustand des Regiments ist gesund. Die militärische
Disziplin ist zufriedenstellend. Das Regiment ist in der Lage, die ihm gestellten
Aufgaben zu erfüllen.“115 Mit dieser stereotypen Zusammenfassung endeten die
meisten Berichte der Politoffiziere an ihre Vorgesetzten. Besondere Aufmerk-
112 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 11, S. 90f., Bericht des Kommandeurs des 24. MVD-Grenzregiments,
Oberst Kapustin, und des Leiters des Stabes, Major Galeev, an alle Bataillonskommandeure über
außergewöhnliche Vorfälle und Verluste außerhalb des Gefechts im 1. Quartal 1946, 18.4.1946.
113 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 156, Befehl des Leiters der Organisationsabteilung der Politverwal-
tung der CGV, Oberst Surikov, an die Leiter der Politabteilungen der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der CGV, 4.9.1945.
114 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 173–178, hier: S. 174, Bericht des Leiters der MVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Zimin-Kovalev, und des stv. Leiters der Politabteilung,
Oberstleutnant Gončarev, über den politisch-moralischen Zustand der Truppen, 26.7.1946.
115 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 128, Bericht des Kommandeurs des 40. Schützen-
regiments, Oberstleutnant Chorošev, und des stv. Leiters der Politabteilung, Hauptmann Čuchin,
an den Leiter der Politabteilung der 66. NKVD-Schützendivision, Oberst Tamrasov, über den po-
litisch-moralischen Zustand, die militärische Disziplin und parteipolitische Arbeit im 3. Quartal
1945, 23.9.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918