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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 349
bewahrt werden, da „viele von ihnen in Privatquartieren wohnen oder sich
auf der Durchreise befinden“.136
Einzelne Parteibüros wiesen in ihren Versammlungen auf die notwendi-
ge Mustergültigkeit und sogar „avantgardistische Rolle“ von Kommunisten
im Militäreinsatz hin.137 Schließlich gab man auch ihnen die Schuld für das
Fehlverhalten unter ihren Mitgliedern. So hieß es in einem der Berichte: „Un-
ter den Kommunisten gibt es eine sehr große Zahl jener Personen, die sich
unwürdig benehmen, indem sie sich in den Augen der Soldaten kompromit-
tieren. Aber der Kampf gegen sie wird in der letzten Zeit nur unzureichend
geführt. Von 34 Kommunisten, die im letzten Quartal Vergehen begangen
hatten, wurden nur sieben zur parteilichen Verantwortung gezogen.“138
Als Indikatoren für politisch-moralische Stabilität dienten nicht etwa eine
gute Stimmung oder das Wohlbefinden des Einzelnen, sondern die Zahl
der Aufnahmeanträge in die Kommunistische Partei, die Unterordnung un-
ter kollektive Normen und die möglichst geringe Zahl an Verstößen. Diese
Vorstellungen waren den Männern keineswegs fremd. Als Kinder ihrer Zeit
und ihrer Kultur hatten sie sich die Ideale der Partei weitgehend zu eigen
gemacht, auch wenn sie insgeheim darüber spöttelten. Auf Parteiversamm-
lungen widmeten sie sich etwa Fragen, wie sie den Kommandanten bei der
Stärkung der moralischen Haltung unterstützen konnten. Doch half der
Parteigeist nicht weiter, wenn die allgemeine Kontrolle lasch und die Versu-
chung groß war. Resigniert stellte man fest, dass diese und andere Formen
der erzieherischen Arbeit einfach nicht wirkten.139
Neben der Gewährleistung der Vorbildwirkung verfolgten die Partei-
und Komsomolorganisationen offiziell noch ein weiteres Hauptziel: die Er-
ziehung des in Österreich stationierten Personals zu „hoher revolutionärer
136 RGASPI, F. 17, op. 117, d. 610, S. 194f., Schreiben an G. Malenkov über die Parteiorganisationen bei
den Kontrollkommissionen in Bulgarien, Ungarn, Rumänien, Finnland, bei der SČSK und beim
Alliierten Rat für Japan [4.9.1945].
137 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 152, S. 75–87, hier: S. 84, Bericht des Leiters der Politabteilung des 37.
NKVD-Grenzregiments, Major Smirnov, an den Leiter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Oberst Šukin, über den politisch-moralischen Zustand der Trup-
pen 1945, 25.8.1945.
138 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 123, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
139 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 123, Bericht des Kommandeurs des 40. Schützen-
regiments, Oberstleutnant Chorošev, und des stv. Leiters der Politabteilung, Hauptmann Čuchin,
an den Leiter der Politabteilung der 66. NKVD-Schützendivision, Oberst Tamrasov, über den po-
litisch-moralischen Zustand, die militärische Disziplin und parteipolitische Arbeit im 3. Quartal
1945, 23.9.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918