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1. Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle 351
Idealbild des „Soldaten-Komsomolzen“ erörtert. Laut Statut hatte jedes Mit-
glied eine mustergültige Auffassung von der Arbeit an den Tag zu legen, Mi-
litär- und Staatsgeheimnisse durch den Nachweis politischer Wachsamkeit
streng zu wahren, sein politisches Wissen ständig zu erweitern und sich für
die Verwirklichung der Partei- und Komsomolbeschlüsse einzusetzen. Weite-
re Aufgaben bestanden darin, das Kommando bei der politisch-moralischen
Erziehung der Armeeangehörigen zu unterstützen, das „moralische Vorbild
des jungen sowjetischen Menschen“ zu prägen und die Komsomoljahres-
hauptversammlung abzuhalten.142
Gerade für diesen Personenkreis war eine sinnvolle Gestaltung der Frei-
zeit – zumal außerhalb der Sowjetunion – wichtig. Schließlich handelte es sich
bei den Komsomolzen um junge Menschen im Alter von 15 bis 28 Jahren,
wobei nur die Funktionäre der Gruppe, sogenannte Aktivisten, deutlich älter
waren. Daher förderten die Komsomolorganisationen unter anderem künst-
lerische Betätigungen ihrer Mitglieder: „Točkilkin, Kuznecov, Konovalova,
Fadeeva und andere sind aktive und führende Mitglieder [der Komsomollai-
enkunstgruppe], wofür ihnen das Kommando seine Dankbarkeit ausdrück-
te.“ Hierbei handelt es sich zudem um einen der äußerst seltenen Fälle, in
denen weibliche, in Österreich stationierte NKVD-Mitglieder namentlich be-
rücksichtigt werden. In den zahlreichen eingesehenen NKVD-Berichten über
die mangelnde Moral der Truppen u. Ä. fanden sowjetische Frauen bezeich-
nenderweise keine Erwähnung.143
An den Feiertagen veranstalteten die Komsomolorganisationen Fußball-
oder Volleyballturniere, Weit- und Stabhochsprungwettbewerbe, Wettren-
nen, Geländeläufe und Wettkämpfe in anderen Massensportarten.144 Beim
Fußball traten nicht nur die Kommandos der Roten Armee und der NKVD-
Truppen gegeneinander an, sondern es spielten auch sowjetische gegen ös-
terreichische Klubs. Darüber hinaus initiierten die Komsomolorganisatio-
nen Schach- und Damemeisterschaften, Lesezirkel und Vorführungen von
Kinofilmen wie „Stalingrad“, „Die Schauspielerin“ („Aktrisa“) oder „Sieben
Mutige“ („Semero smelych“). Sie gestalteten „Leninzimmer“, Fotovitrinen
und Flugblätter. Außerdem versorgten sie ihre Mitglieder mit sowjetischen
142 Kalnins, Agitprop, S. 55; RGVA, F. 38756, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 123f., Bericht des Kom-
mandeurs des 40. Schützenregiments, Oberstleutnant Chorošev, über den politisch-moralischen
Zustand, die Disziplin und die parteipolitische Arbeit im Regiment im 3. Quartal 1945, 23.9.1945.
143 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 126, Bericht des Kommandeurs des 40. Schützen-
regiments, Oberstleutnant Chorošev, und des stv. Leiters der Politabteilung, Hauptmann Čuchin,
an den Leiter der Politabteilung der 66. NKVD-Schützendivision, Oberst Tamrasov, über den po-
litisch-moralischen Zustand, die militärische Disziplin und parteipolitische Arbeit im 3. Quartal
1945, 23.9.1945.
144 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918