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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung354
für Staatssicherheit (MGB) überging, trug sie die Bezeichnung UKR MGB
CGV bzw. „Truppenteil 32750“. Im Jahr 1946 umfasste die Verwaltung für
Spionageabwehr in Österreich folgende vier Abteilungen mit jeweils unter-
schiedlichen Funktionen:
- die 1. Abteilung UKR MGB CGV (operative Tätigkeit für Stab und Verwal-
tungen der CGV);
- die 2. Abteilung UKR MGB CGV (Spionageabwehrtätigkeit beim Gegner
zur Aufdeckung von Infiltrationskanälen und dessen Agenten in Einhei-
ten und Einrichtungen der Roten Armee, Fahndung nach Agenten auslän-
discher Spionagedienste, Arbeit unter Kriegsgefangenen von operativem
Interesse, Überprüfung von Militärangehörigen der Roten Armee, die in
Gefangenschaft waren);
- die 3. Abteilung UKR MGB CGV (Führung der unterstellten Organe der
Spionageabwehr, Kampf gegen Spionage-, Diversions- und Terroraktivitä-
ten ausländischer Spionagedienste, gegen antisowjetische Elemente, Ver-
rat, Vaterlandsverrat, Desertionen und Selbstschädigung) und
- die 4. Abteilung UKR MGB CGV (Untersuchungsabteilung).151
Die Verwaltung für Spionageabwehr der CGV nahm in der sowjetischen Be-
satzungszone Verhaftungen vor, führte die Voruntersuchungen bis zur Er-
stellung der Anklageschrift durch und übergab dann die abgeschlossenen
Verfahren dem Militärtribunal der CGV in Baden. Dieses lief intern unter den
Bezeichnung „Militärtribunal des Truppenteils 28990“ oder „voennyj tribunal
voennoj časti 28990“ (VT v./č. 28990).152
Während der oft monatelangen Verfahren befanden sich die Angeklagten
im Inneren Gefängnis der Verwaltung für Spionageabwehr MGB CGV im so-
genannten „Nicoladoni-Haus“, Schimmergasse 17, nahe der Straßenbahnlinie
Baden – Bad Vöslau. Der gesamte Häuserblock war mit einer Planke umgeben
und wurde von einem Wachturm aus bewacht. Auch die Hauskeller der um-
liegenden Villen dienten gelegentlich als Gefängnis. Österreichische Zeitzeugen
erinnern sich, dass die blut- und uringetränkten Böden nach dem Abzug der
Truppen ab Oktober 1955 völlig zu erneuern waren. „Von Baden führt kein Weg
ins Freie“, lautete die inoffizielle Devise. Doch auch in jeder Kommandantur gab
es Arrestzellen, die oft zur ersten Etappe jahrelanger Haft werden sollten.153
151 Nikita Petrov, Die militärische Spionageabwehr in Österreich und die Todesstrafe. Struktur, Funk-
tionen, Praxis, in: Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Stalins letzte Opfer. Verschleppte und
erschossene Österreicher in Moskau 1950–1953. Unter Mitarbeit von Daniela Almer, Dieter Bacher
und Harald Knoll. Wien – München 2009, S. 79–97, hier: S. 93f.
152 Zum genauen Prozedere vgl. Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 52–55.
153 Stelzl-Marx, Verschleppt und erschossen, S. 39; Maurer, Befreit? – Befreit!, S. 81f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918