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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 361
Seite des Feindes, Flucht oder Absetzen ins Ausland“.171 Insgesamt lässt sich
die Zahl der 1921 bis 1953 Erschossenen mit rund einer Million beziffern.172
Memorial International schätzt die Gesamtzahl der heimlich am Donskoe-
Friedhof bestatteten Opfer auf rund 10.000 Personen. Allein von 5065 Hinge-
richteten, die von 1934 bis 1955 dort bestattet wurden, sind die Kurzbiogra-
fien nun publiziert.173 Ihre Geschichten spiegeln die Grausamkeit der Urteile
wider.
2.2.2 Verbrechen während des Krieges
Dem ehemaligen Kolchosbauern Ivan Syčev aus dem Gebiet Kursk warf das
Badener Militärtribunal Vaterlandsverrat und antisowjetische Propaganda
vor. Er war aufgrund von Falschangaben nach Kriegsende in die Reihen der
Roten Armee geraten, „indem er seinen Dienst bei den Deutschen und sein
tatsächliches Geburtsdatum vertuschte“.174 Während des Krieges hatte er, wie
sich herausstellen sollte, in der Kaminskij-Strafbrigade und in der Russischen
Befreiungsarmee (ROA) gedient. Bis Dezember 1950 konnte Syčev seinen
Dienst bei den sowjetischen Besatzungstruppen völlig unbehelligt verse-
hen. Erst der Versuch, mit seiner österreichischen Lebensgefährtin Margari-
ta Oberger in die amerikanische Besatzungszone zu gelangen, führte in der
Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1950 zu seiner Verhaftung. Im Zuge der
Untersuchung kam auch seine Vergangenheit ans Tageslicht.175
Doch zum Vorwurf des Vaterlandsverrats sollte sich während der Haft
im Badener MVD-Gefängnis noch ein weiterer Anklagepunkt gesellen –
„antisow jetische Agitation und Propaganda“. In der Haft erzählte Syčev
nämlich antisowjetische Witze, lobte das „kapitalistische System“ und be-
schimpfte die Parteiführung und die sowjetische Regierung. Während der
Untersuchung sagte er aus: „Als ich mich mit Mithäftlingen in der Zelle be-
fand, gab ich Anekdoten konterrevolutionären Charakters zum Besten. Ich
verleumdete das sowjetische System und bedachte die sowjetischen Partei-
171 Zit. nach: Ol’ga Lavinskaja, Das Militärtribunal der Zentralen Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte,
S. 206f.
172 Petrov, Die Todesstrafe in der UdSSR, S. 74.
173 L. S. Eremina (Hg.), Rasstrel’nye spiski. Moskva 1935–1953. Donskoe Kladbišče [Donskoe Kremato-
rij]. Kniga žertv političeskich repressij. Moskau 2005. Vgl. dazu: Jörg Rudolph – Frank Drauschke –
Alexander Sachse, Hingerichtet in Moskau. Opfer des Stalinismus aus Sachsen, 1950–1953. Leipzig
2007, S. 132.
174 GARF, F. 7523, op. 76, d. 28, S. 75–78, hier: S. 77, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gna-
dengesuch von Ivan Syčev, 11.7.1951. Vgl. dazu auch: Petschnigg, Stimmen aus der Todeszelle, S.
545–548.
175 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918