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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 365
Auf dem Weg zur sowjetischen Kommandantur erschoss Volkov auch diese
beiden und versteckte sich.190 Die „Arbeiter-Zeitung“ rekonstruierte den Tat-
hergang minutiös: „Als die zwei Soldaten einer Pfütze auswichen und einen
Augenblick vor den Eskortierten traten, zog dieser eine Pistole und streckte
seine Bewacher blitzschnell durch wohl gezielte Genickschüsse zu Boden.
Während sich Passanten um die tödlich verletzten Soldaten kümmerten, […]
lief [der Täter] davon. Die beiden Soldaten starben kurze Zeit später im Wie-
ner Neustädter Spital.“191
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle sowjetischen Stellen im Bezirk wie
auch die Wiener Neustädter Polizei und Gendarmerie auf der Suche nach dem
Flüchtigen.192 In der Nacht auf den 15. August 1950 hielt Volkov ein vorbeifah-
rendes Auto an und zwang den Chauffeur, in die von ihm gewünschte Rich-
tung zu fahren. In dem Wagen befanden sich der niederösterreichische ÖVP-
Landtagsabgeordnete Johann Kuchner und sein Chauffeur Franz Meixner.193
Als Volkov den Wagen in einen schmalen Schotterweg fahren ließ und dem
Chauffeur an einer dunklen Stelle befahl, das Licht abzuschalten, weigerte sich
dieser. „Nun wurde der Offizier gewalttätig“, so die „Arbeiter-Zeitung“. „Es
kam zu einem Handgemenge, und der Offizier versuchte, auf den Abgeord-
neten zu schießen. Dieser stieß jedoch im letzten Augenblick die Waffe in die
Höhe, und der Schuss ging durch das Dach. Dann entwand er dem Offizier die
Pistole aus der rechten Hand. Zur gleichen Zeit feuerte der Offizier jedoch aus
der zweiten Pistole einen Schuss ab, der den Sitz des Chauffeurs durchschlug
und dessen Unterleib durchbohrte. Ein dritter Schuss durchschlug den Ober-
arm des Chauffeurs, den dieser schützend hochhielt, und drang bei seinem
rechten Ohr in den Schädel ein.“194 Sowohl Volkov als auch Kuchner waren
aus dem Wagen gesprungen. Als der Oberleutnant nochmals schoss, gelang es
dem Landtagsabgeordneten, diesen mithilfe der ihm zuvor im Kampf entwen-
deten Pistole in die Flucht zu schlagen. Trotz seiner Verletzungen fuhr Franz
Meixner den Wagen noch bis zum nächsten Gendarmerieposten. Der Chauf-
feur starb am folgenden Tag im Krankenhaus von Wiener Neustadt.195
Volkov wurde am 28. August 1950 „mit den üblichen Such maßnahmen“196
190 Ebd., S. 102.
191 Dreifacher Mord eines russischen Offiziers, in: Arbeiter-Zeitung.
192 Ebd.
193 GARF, F. 7523, op. 66, d. 121, S. 101–103, hier: S. 103, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum
Gnadengesuch von Leonard Volkov, 6.12.1950; Dreifacher Mord eines russischen Offiziers, in: Ar-
beiter-Zeitung.
194 Dreifacher Mord eines russischen Offiziers, in: Arbeiter-Zeitung.
195 Ebd.
196 GARF, F. 7523, op. 66, d. 121, S. 101–103, hier: S. 102f., Stellungnahme des Obersten Gerichts zum
Gnadengesuch von Leonard Volkov, 6.12.1950.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918